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24. Grenzfrevler.

Im Volk herrscht der Glaube, daß jene Menschen, die aus Habsucht heimlich Grenzsteine versetzen, um den eigenen Besitz zu vergrößern, nach ihrem Tod so lang als ruhelose Geister auf Erden wandeln müssen, bis die Grenzsteine, die sie einmal versetzt haben, wieder auf ihren rechtmäßigen Plätzen stehen.

In Graden bei Köflach lebte vor langer Zeit ein bäuerlicher Geizhals, der durch Versetzen von Grenzsteinen seinen Besitz unrechtmäßig vergrößert hatte. — Einige Jahre nach seinem Tod wanderten in einer schönen Vollmondnacht zwei Burschen heimzu nach Graden. Als sie an einem hell beschienenen Acker vorbeigingen, sahen sie am jenseitigen Feldrand eine dunkle Gestalt in altertümlicher Tracht stehen, die sich — anscheinend ermattet — auf einen Spaten stützte. Der eine Bursch lief aus Angst gleich davon, der andere aber ging hin und sah mit Erstaunen, daß der Fremde einen langen, dunkelgrünen Haftelrock trug und auf dem Kopf einen breitkrempigen Hut hatte, der sein Gesicht vollständig beschattete. Der Bursch ging mutig näher und fragte den Fremden keck, was er da mache. Dabei schaute er ihm unter den Hut, um sein Gesicht zu erkennen. Da packte den Neugierigen jähes Entsetzen, denn ein bleicher Totenkopf grinste ihn an. — Da war es aus mit seinem Mut, und er rannte, so schnell ihn seine Beine trugen, nach Graden, wo er — vollkommen erschöpft — ins Gasthaus stürmte und mit blassem Gesicht und zitternden Knien sein Erlebnis erzählte. — „Das war ein Grenzsteinrucker, der für seine Schlechtigkeit im Grab keine Ruhe finden kann", meinte bedächtig der alte Wirt.

Quelle: Was die Heimat erzählt, Die Weststeiermark, Das Kainach-, Sulm- und Laßnitztal. Herausgegeben von Franz Brauner. Steirische Heimathefte. Graz 1953.
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