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11. Von unserer Braunkohle.

In ururalter Zeit — es mögen wohl 20 bis 50 Millionen Jahre vergangen sein — war das ganze Gebiet des oberen Kainachbodens mit dichtesten Urwäldern bedeckt. Wahre Riesen von Bäumen wuchsen dort, die bis zu hundert Meter hoch wurden und deren Stämme über dem Erdboden vier Meter dick waren. Dicht nebeneinander standen diese Riesenbäume; aber es waren keine Fichten und Tannen, wie wir sie heute in unseren Wäldern finden, sondern ganz fremdartige Bäume. Keines Menschen Fuß betrat jemals diese düsteren Wälder; nur riesige Rüsseltiere von eigentümlichem Körperbau lebten darin.

Viele, viele tausend Jahre standen diese Wälder. Die Bäume wuchsen heran, erreichten ein Alter von 200 und mehr Jahren, starben schließlich ab und fielen um. Krachend und splitternd stürzte ein Riesenbaum nach dem andern; aber junge Bäumchen schossen wieder empor und schlössen die entstandenen Lücken. So erneuerte sich immer wieder der mächtige Wald.

Das Holz dieser Bäume war sehr reich an Harz, wie das heutige Lärchen- und Föhrenholz, außerdem aber auch reich an Gerbstoffen, wie unser Eichenholz. Ein Holz, das viel Harz und Gerbstoffe enthält, verfault nur sehr langsam, und so kam es, daß die umgestürzten Riesenstämme nur langsam vermoderten. Immer dichter und fester wurde die auf dem Boden liegende Holzschichte, und die Menge nahm immer mehr zu.

Eines Tages entstand ein gewaltiges Erdbeben in dieser Gegend, der Boden senkte sich, und das Meerwasser drang bis zu den mächtigen Wäldern vor. Das ganze Gebiet wurde vom Meer überflutet. Das Meerwasser brachte Schlamm und Sand mit und überdeckte damit unsere Wälder und die auf dem Boden liegenden Holzmassen. Da wurde mit der Zeit das Holz der Stämme braun oder schwärzlich und fest wie Stein. So entstand aus dem Holz der Riesenbäume die  „Braunkohle".

Viele tausend Jahre sind inzwischen wiederum vergangen, das Meer verschwand allmählich und trockenes Land war wieder in dieser Gegend. Da kamen auch die Menschen und bauten sich Wohnungen; niemand aber wußte, daß tief im Innern der Erde der tote Wald begraben lag.

Unter den Menschen waren auch Bergleute; die suchten nach Gold und Silber. Sie gruben ein tiefes Loch in die Erde, einen Schacht, fanden aber kein edles Metall, sondern den verschütteten Wald. Sie untersuchten diese merkwürdigen Steinmassen und nannten sie „Braunkohle". — „Glück auf!" riefen sie einander zu und schafften die toten Stämme wieder ans Tageslicht. So entstanden die Braunkohlenbergwerke in der Gegend von Köflach und Voitsberg. Viele hundert fleißige Bergarbeiter sind seither damit beschäftigt, die Kohle aus der Tiefe der Erde herauszuholen. Deutlich genug ist noch an so manchem Kohlenstück zu erkennen, daß es aus einem Holzstamm entstanden ist.

Heute wandert die Braunkohle hinaus in die weite Welt. Sie kommt in die Küche und hilft dort das Essen kochen; sie kommt in den Stubenofen und macht ihn warm. Die meiste Kohle aber wandert in die Fabriken und treibt dort die vielen gewaltigen Maschinen, die sie für die fleißigen Arbeiter in Bewegung setzt. Gar viele Zentner Braunkohle aber verbraucht die Lokomotive, um Wasser in Dampf zu verwandeln. Der Dampfwagen zieht einen ganzen Zug, der schwer beladen von einer Stadt zur anderen, von einem Land ins andere rollt und Menschen und Waren befördert.

Das Kohlenflöz von Köflach-Voitsberg und Umgebung — aus einem mächtigen Wald entstanden — gehört zu den ergiebigsten Kohlenlagern in der Steiermark und liefert gegenwärtig mehr als ein Drittel der gesamten Kohlenförderung Österreichs, und bald wird es die Hälfte sein. Der Abbau erfolgt in Schächten und Stollen und auch im Tagbau. Die Mächtigkeit des Flözes beträgt durchschnittlich 18 Meter, stellenweise sogar 40 und mehr Meter. Angeblich soll im Jahre 1716 mit dem Abbau begonnen worden sein. Im Jahre 1857 gab es noch 37 selbständige Grubenbesitzer; auch Erzherzog Johann kaufte im Jahre 1848 Gruben in Lankowitz und Pichling. — 1860 eröffnete die ,,Graz-Köflacher Eisenbahn- und Bergbaugesellschaft" die Bahnlinie Graz—Köflach; damit begann für den ganzen Kainachboden eine neue Zeit mit bedeutendem Aufschwung.

Gegenwärtig [1953] sind im ganzen Revier über 4000 Männer beschäftigt. Viele Millionen Tonnen Kohle wurden bereits gefördert und viele Millionen Kubikmeter taubes Gestein und Erdreich abgetragen. Wasserläufe, Straßen und Bahngeleise mußten verlegt werden, so daß sich das ganze Landschaftsbild wesentlich verändert hat. — Viele Millionen Tonnen Kohle warten noch auf die Förderung; gegenwärtig werden im Gesamtrevier jährlich fast zwei Millionen Tonnen Kohle gewonnen, und die Flöze werden noch viele Jahre zahlreichen Menschen Arbeit und Brot geben.

Quelle: Was die Heimat erzählt, Die Weststeiermark, Das Kainach-, Sulm- und Laßnitztal. Herausgegeben von Franz Brauner. Steirische Heimathefte. Graz 1953.
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