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8. Aus Alt- und Neu-Leonrod.

Wo die Gößnitz in die Teigitsch mündet, beginnt ein südwestlich streichender steiler Höhenrücken, der die Teigitsch am linken Ufer mit felsigen Hängen begleitet. Auf diesem Bergrücken, hoch über der Teigitschschlucht, liegen — von hochstämmigen Fichten überragt — die spärlichen Reste der einstigen Burg Alt-Leonrode, im Volksmund kurz „Waldschloß'' genannt. Die Burg war eine Sperrfeste für die ehemals stark benützte Straße, die über den Wöllmiß- und Herzogberg auf die Pack und nach Kärnten führte. Besitzer dieses Gebietes waren anfänglich die Eppensteiner, und seit 1103 gehörte es dem Stift St. Lambrecht, das wahrscheinlich bald darauf auch die alte Burg erbaute. Alt-Leonrode war nur ein fester Wohnturm mit Wehrmauer und Graben, ein ungastliches, düsteres Bauwerk. Es mag wohl ein recht armseliges Hausen im weltfernen Winkel gewesen sein, wo es in den weiten Wäldern noch Bären, Wölfe, Wildschweine und Hirsche mit mächtigen Geweihen gab, und der Ritter mit seinen Knechten auf durchziehende Händler, Weinfuhrleute und wandernde Handwerksburschen lauerte. Und erst die kurzen, kalten Wintertage und die langen Winternächte! Wie mögen die Burgbewohner in den lichtlosen, nur vom Kaminfeuer matt erleuchteten und wenig erwärmten Stuben gefroren haben! Die meterhoch verschneiten Wege und Wälder, dazu die hungrig und heulend um die Burgmauern schleichenden Wölfe, wie sehnsüchtig mögen da die Bewohner auf die lauen Märzwinde und die ersten Frühlingsboten gewartet haben! — Ein Otto von Krems — mit dem Beinamen von „Lewenrode" — wird schon 1196 genannt.

Als die Straße nach Kärnten ins breite Gößnitztal verlegt wurde, verödete langsam die alte Feste und eine größere, wohnlichere Burg wurde auf dem steilrandigen Hügel nahe der neuen Straße erbaut; so entstand Neu-Leonrod um 1400. Noch stehen die festen Mauern, Gewölbe überspannen  finstere Kellerräume, ein mächtiger Torturm bewacht den Eingang, der dreistöckige Palas, wenn auch geborsten, ist noch kenntlich, und die aus dem gewachsenen Fels ausgehauene Zisterne ist auch noch vorhanden. — Doch der Wald hat von der Sagenreichen Burg Besitz ergriffen und sie zur Ruine gemacht. Ein Bauer hat die Reste der einst stolzen Burg im Jahre 1872 gekauft.

Quelle: Was die Heimat erzählt, Die Weststeiermark, Das Kainach-, Sulm- und Laßnitztal. Herausgegeben von Franz Brauner. Steirische Heimathefte. Graz 1953.
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