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Der Hirtenzweig

Vor vielen Jahren machten mehrere Bauern einen Spaziergang in der Nähe des Gamskogels. Sie erzählten sich von den Wundern und Schätzen, die hier unterm Untersberg seit alten Zeiten beheimatet sind. So war es schon dunkel geworden. Da bemerkten sie auf einer kleinen Anhöhe in einem gar seltsamen Licht einige Figuren, die sich mit Kugelspiel die Zeit vertrieben. Da unter den Bauern ein paar gute Kegler waren, so wollten sie zuschauen und gingen näher auf die Spielenden zu. Als sie aber ganz nahe gekommen waren, sahen und hörten sie plötzlich nichts mehr von den Spielenden und dachten sich gleich, daß die Geister des Unterberges ihr Spiel mit ihnen trieben. Der beherzteste der Bauern aber wollte die Geister bannen, da er wußte, daß, wenn man ihnen widersteht und sie durch seine Unerschrockenheit zur Antwort zwingt, sie einem ein Geschenk machen. So bat er laut und vernehmlich um ein solches und noch waren seine Worte nicht verhallt, als auch schon ein kleines graues Männlein mit schneeweißem Bart vor den erschrockenen Bauern stand und jedem von ihnen einen schönen Birkenzweig überreichte. Etwas stutzig nahmen die Bauern den Zweig entgegen, aber nur der, der gerufen, bedankte sich auch. Plötzlich war das Männlein ebenso schnell wie es gekommen war auch wieder verschwunden und die Bauern gingen den Hang hinab. Als sie auf die Straße angekommen waren, warfen alle mit Ausnahme dessen, der den Geist beschworen hatte, das unansehnliche Geschenk fort und sprachen auch gar nicht mehr weiter darüber. Er bewahrte ihn wohl auf und legte ihn hinter seinen großen Kachelofen. Die Katze zerrte ihn aber wieder hervor und die Kinder griffen nach dem Zweig und rissen ihn auseinander. So brach die Nacht an und alle gingen zur Ruhe. Das Geistergeschenk blieb in viele Stücke zerrissen auf dem Boden und wäre wohl am Morgen zum Kehrricht gewandert. Aber als die ersten Sonnenstrahlen durch das Fenster fielen und der Bauer sich von seinem Lager erhob, um frisch gestärkt von erquickenden Schlaf an seine Arbeit zu gehen, da fiel sein Auge auf einen glänzenden Gegenstand am Boden. Er hob ihn auf und siehe da, es war ein Stück vom Birkenzweig, aber dieser war über Nacht zu reinem Gold verwandelt worden. Schnell suchte er nach den anderen Teilen des Zweiges und alles war zu Gold geworden. Da gab es des Jubels kein Ende und voller Freude erzählte der Bauer im ganzen Dorf das unerwartete Glück.

Als die anderen Bauern dies vernahmen, liefen sie, so schnell sie nur konnten, auf den Hügel und hofften, sie müßten die von ihnen weggeworfenen Birkenzweige wieder finden und könnten ebenfalls Gold nach Hause tragen. Aber es lag nur verwelktes Grün auf dem Boden, denn sie hatten ihr Glück mutwillig von sich geworfen und wer dies tut, findet es nicht wieder.

Quelle: Karl Adrian, Alte Sagen aus dem Salzburger Land, Wien, Zell am See, St. Gallen, 1948, S. 46 - 47