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Von Geistern, Verzauberten und vom Gottesgericht ereilten Sündern.

Auf den vergletscherten Höhen über den Wänden des Tischlkars im Grunde des Kötschachtales liegt der Sage nach das blütenweiße Bett des Gletschergeistes. Darinnen schläft er den ganzen Winter bis über den Lenz hinaus und erwacht erst, wenn im Tale bereits der Sommer Einzug gehalten hat. Dann aber streckt und reckt er seine Riesenglieder, daß Berg und Tal davon widerhallen. Die weiße Decke, unter der er geschlummert, schleudert er weit von sich weg und sie stürzt donnernd als Lawine zu Tale, überallhin Schrecken verbreitend. Er aber eilt mit mächtigen Tritten von Fels zu Fels, daß sich die Steine unter seinen Füßen loslösen und tosend in die Tiefe sausen.

Gesehen hat den Gletschergeist noch niemand, denn er selbst meidet die Gesellschaft der Menschen und ließe auch niemand an sich heran. Jeder im Tale fühlt aber sein Erwachen und Nahen mit Grauen.

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Ein harmloserer Geselle ist der Kaputzer, der wie im Nachbartale, in der Rauris, auch bei uns zu Hause ist. Unter den mancherlei Berg- und Alpengeistern, an die das Volk heute noch glaubt, wie der Dusel, der es in der Nacht auf kleine Kinder abgesehen hat, der Putz, welcher ahnungslose Wanderer auf Abwege führt, die sogenannte Wehklage und der Totenvogel, die zur Nachtzeit wimmernd von Ort zu Ort ziehen, ist der Kaputzer zwar nicht der schlimmste, aber doch nicht ganz ungefährlich, obwohl er im allgemeinen als gutmütiger Kerl sich zeigt und besonders frommen Leuten schon manche Wohltat erwiesen hat. Nur Fluchen und Lästern kann er nicht vertragen und wenn gar ein Knappe von ihm dabei erwischt wird, hat dieser wahrlich nichts zu lachen. Gesehen wurde der Kaputzer sehr selten, gehört wollen ihn aber schon viele haben, namentlich wenn im Frühsommer die Gletscher bersten und die Steine polternd und krachend in die Tiefe sausen. Dann sagt man, das sei der Kaputzer, der ungesehen und unauffindbar reiche Erzgänge aufschließe. Einen besonderen Spaß macht es ihm, von Zeit zu Zeit den einen oder anderen gottesfürchtigen Knappen zu necken.

Davon wußte ein Knappe zu erzählen, der einmal am Fuße des Goldberges seines Weges ging und einen Laib Brot, an einer Schnur befestigt, am Rücken trug. Plötzlich kam der Kaputzer, der Windsbraut gleich, daher und entriß ihm das Brot. Ein zweitesmal kam der gleiche Knappe an der nämlichen Stelle mit zwei Brotlaiben vorüber und wieder entführte ihm der Kobold einen davon und ließ ihn bergab kollern. Da meinte der Knappe: "Wenn du schon den einen hast, kannst du den zweiten auch haben" - und warf ihn flugs dem ersten nach. Das gefiel dem Kaputzer so sehr, daß er den Knappen bald darauf eine reiche Goldader finden ließ und ihn so zum wohlhabenden Manne machte.

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Eine gefährliche Gestalt war der Zauberer Jackl. Über diesen Zauberer enthält das Archiv des Pfleggerichtes auf Schloß Moosham im Lungau folgende Stelle: (Malefiz 279) Jahr 1689. "Auf den herumvagierenden Jakoben Koller, Abdeckerssohn von Mauterndorf, oder den sogenannten Zauberer Jäggl solle gute Absicht getragen werden, wer ihme lebendig lifert, solle 600 fl, wer ihme aber Toder lifert, 300 fl haben, um willen er so vile Jugend und andere Personen verführt hat."

Von diesem Zauberer Jackl erzählt man an verschiedenen Orten des Landes gar wunderliche Dinge. Einen Glaserer hatte er erbärmlich betrogen und dann wieder reichlich entschädigt; sich selbst soll er in einen Ochsen verwandelt und so einen Wirt zum Narren gehalten haben. Auch in anderen Tiergestalten soll er gesehen worden sein. Aus Holzspänen hätte er Mäuse gemacht und eine Salbe soll er besessen haben, mit deren Anwendung er jedermann auf 24 Stunden in einen Wolf verwandelt hätte.

Eines Tages befiel den Zauberer tiefe Reue über sein Tun und da fragte er einen des Weges kommenden Pater Kapuziner, wie er denn noch die himmlische Seligkeit erwerben könnte. Der fromme Mann redete ihm derart ins Gewissen, daß sich der gefürchtete Zauberer freiwillig dem Pfleger in Moosham stellte, worauf er festgenommen und hingerichtet wurde.

Nach einer alten Chronik soll dieser "verruechte Zauberjaggl" in der Zeit von 1668 bis 1687 besonders in dem dem Ausgange des Gasteinertales gegenüberliegenden Goldegg sein Unwesen getrieben haben. Er hatte einen großen Anhang unter dem Hirten- und Bettelvolke, so daß man seiner nicht habhaft werden konnte. Er soll sogar eine Zauberergesellschaft begründet haben, in die die Mitglieder durch den "Gankerl", das wäre der Teufel selbst, feierlich aufgenommen wurden. Es ging dabei wie bei einer Taufe zu. Dem Neuling wurde die alte Taufe "vom Hirn weggerieben, abgeripelt, abgekratzt" und ihm hierauf ein Tiername beigelegt. Ja, dieses Unwesen muß derart um sich gegriffen haben, daß im Jahre 1678 in Salzburg nicht weniger als "114 Zauberleut von 11 bis 20 Jahren" meist als Anhänger des Zauberers Jackl hochnotpeinlich abgeurteilt und hingerichtet worden sein sollen.

Da ist es völlig erklärlich, wenn ihm in der Gastein keine gute Nachrede gespendet wurde, er vielmehr auch hier als Schadenstifter verschrien ist.

So kam er eines Tages im Gewande eines Bettlers zum Stubergut und bat die Frau um ein Stück Brot. Die aber wies ihm hartherzig die Türe. "Du wirst es bereuen", sagte er grimmig im Weggehen und sann im Weitergehen auf Rache. Er stieg im Angertale empor und als er die Höhe erreicht hatte, begann schon sein Zerstörungswerk: Die Berge krachten fürchterlich, Steinlawinen stürzten zu Tal, in Strömen prasselte der Regenguß nieder, furchtbar schwoll unter dem Wolkenbruche der Angerbach. Verderbenbringend wälzte er die Masse von Schutt und Schlamm hinaus bis dicht vor das Stubergut. Da erklang die Glocke von St. Nikolaus aus Gastein herüber, mit der Gewalt des Zauberers war es zu Ende. Die Natur beruhigte sich und als das Wasser verlaufen war, lag hochgetürmt der Schutt im Tale; das Volk nennt ihn den Wolfstallriedl.

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Auf der Wiedneralpe lebte vor Jahren ein Hirte, der wegen seiner Frömmigkeit im ganzen Tale bekannt war. Wenn er seine Herde auf die Weide trieb, kam oft eine schöne Jungfrau in die Nähe, sprach jedoch lange nichts, bis sie endlich das Schweigen brach und in geisterhaftem Tone ihm anvertraute, daß er nichts Böses von ihr zu fürchten habe, denn sie sei längst verstorben und nur als Geist an diese Stätte gebannt zur Strafe dafür, daß sie als Kind eines Burgherren hochmütig, gar zu stolz und geizig gewesen sei. Aber ein so Frommer wie er könnte sie erlösen. Der Hirte zeigte sich bereit und bat um die Mittel, die er gebrauchen sollte. Da sagte sie: "Wenn die Uhr unten im Markte zwölfe schlägt, dann geh' dort hin zum Felsen; da wird sich von selbst ein Schacht öffnen; nimm auch ein Licht und tritt ruhig hinein, aber fürchte dich nicht vor dem, was du sehen wirst. Ich selbst bin es, was dir als großer schwarzer Hund mit einem Schlüssel zwischen den reißenden Zähnen erscheinen wird. Überwinde deine Furcht und nimm den Schlüssel dem Hunde aus dem Maule. Mit diesem mußt du die Truhe, die dort steht, aufsperren und zum Dank kannst du dir von den Schätzen, die darin liegen, nehmen, so viel dein Herz begehrt. Auf diese Weise kannst du mich erlösen, daß ich die ewige Ruhe im Grabe finden kann."

Als es Mitternacht schlug, stand richtig der Hirte an der Stelle und ohne Furcht schritt er einige Klafter in den Schlund hinein. Aber als er den fürchterlichen Hund mit einem fast teuflischen Blick gewahrte, packte ihn das Grausen und zitternd floh er ans Tageslicht zurück.

Da erscholl hinter ihm ein Wehruf, so kläglich, daß ein steinern Herz hätte weich werden müssen und nun erkannte er wieder die Stimme der Jungfrau, die ihr Schicksal beklagte. Endlich wäre der Unschuldige in ihre Nahe gekommen, der sie hätte befreien können. Nun muß sie von Zaubermacht gebannt wieder hinein in ihr Felsengrab auf so viele, viele Jahre, bis das kleine Zirbenbäumchen neben dem Schachte auf seinem mageren Boden zum starken Baume erwachsen ist. Wenn dann aus dem Stamme Bretter gesägt sind und daraus eine Wiege gezimmert ist, in die ein Knäblein gelegt wird, das Priester werden soll, dann ist wieder Hoffnung auf Erlösung.

Wenn dieser junge Priester wird sein erstes Meßopfer gefeiert haben, dann wird auch sie von Fluch und Strafe befreit zur ewigen Ruhe eingehen können.

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Auf der Lafenerhütte im Angertal geht eine Sage von einer Erlösung. An einem Wintermorgen gingen drei Knechte zur Alm hinauf, um Heu herunterzubringen. Als sie auf halbem Wege an einer Almhütte vorbeikamen, rief der älteste von ihnen aus bloßem Übermut hinein, er möchte ein Töpfchen Rührmilch. Doch siehe, gleich öffnete sich die Hüttentüre und ein altes Weib stand vor ihm. Das schien doch nicht mit rechten Dingen zuzugehen, war doch die Almhütte verlassen und versperrt gewesen; doch noch größer war das Erstaunen, als die Alte in Eile zwei Stötze, einen schwarzen und einen weißen, mit Rührmilch daherbrachte und ihn wählen ließ, aus welchem er trinken wollte. Der Knecht griff nach dem schwarzen Gefäß und ließ sich nicht schrecken, die Milch zu trinken. Kaum aber hatte er ausgeleert, war die Alte erlöst und gestand ihm dankend, daß sie noch fünfzig Jahre als Nachsendin hätte hier bleiben müssen, wenn er jetzt den weißen Stotz genommen hätte.

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Eine solche Nachsendin, so genannt, weil sie nach der Zeit des Almabtriebes, wenn die Hütten verlassen sind, in den Almen umgeht und meist zur Nachtzeit - weshalb sie auch Nachtsendin genannt wird - ihr Wesen treibt, rumorte einst auf der Hütte am Naßfeldtauern.

Ein Jäger, der im Unwetter des Winters den Weg bis ins Tal nicht mehr machen wollte, um nicht von der Finsternis überrascht zu werden, entschloß sich, die Nacht in der Tauernalmhütte zuzubringen. Er stieg hinauf auf die Hossen und bereitete für sich und seinen Hund ein Lager aus dem Rest des Heues. Aber trotz der Ermüdung in seinen Gliedern konnte er nicht schlafen. Immerfort hörte er ein Rascheln, Knistern, ein Rühren im Kessel. Bald wurde es immer deutlicher vernehmbar, als würde jemand die Stötze waschen und die Hütte versehen wie zur Sommerszeit. Da ruft es plötzlich hinauf zu ihm: "Du auf der Hossen, möcht'st nit von mei'm Rührmus kosten?" Noch glaubt er, es sei im Traume, da ruft es schon wieder mit den gleichen Worten und schließlich wird's ganz dringlich: "Komm' runter, Jäger, mußt doch von mei'm Rührmus kosten."

Da wird der Hund wach und bellt auf. In dem Augenblick krachen unten die Geschirre zusammen und grell auflachend und kreischend schreit ihm die Stimme herauf: "Hätt'st du den Brandl - so hieß der Hund - nicht bei dir, zerrieb ich dich zu Lab und Stab*)" und fort war die Nachsendin, um ihr unstetes Wesen auf einer anderen Alm fortzusetzen, bis vielleicht doch auch ihr Erlösung wird.

*) Staub.

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An den "Schuhflicker", eine besonders kahle Bergspitze in der Nähe von Dorfgastein, knüpft sich folgende Sage.

Dort, wo heute der kahle Fels zum Himmel ragt, stand einst eine Alpe, als eine der besten weithin bekannt. Wo jetzt dürres Gesträuch, Gerölle und Gestein, waren damals saftige grüne Almwiesen. Dort war einst ein Hirte, als rauher Geselle im Tale bekannt. An einem Festtage, wenn andere die Kirchenzeit in Andacht auf ihrer Berghöhe verbrachten, kochte er sich schmalzige Schnitten, ließ sie sich schmecken und nahm seine zerrissenen Schuhe heraus und begann sie unter lästerlichem Gesang und Fluchen zu flicken. Da trat ein alter Mann zur Türe herein und mahnte ihn, sein gottloses Treiben zu lassen. Er aber hörte nicht auf die Mahnung und nagelte dem Mahner zum Trotz eine Schnitte als Sohle auf den Schuh. Aber da umfing ihn plötzlich finstere Nacht, ein furchtbares Unwetter mit Blitz und Donner fuhr hernieder und als der Gewittersturm ausgetobt hatte, war die schöne Alpe verschwunden und inmitten der Wildnis steht in Stein verwandelt der Hirte auf der Bergspitze, vom Volke der Schuhflicker genannt.

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Auch auf der Alpe Dürreneck bei Dorfgastein sah es einst anders aus als heute und auch hier hat gottloses Treiben der Senner und Melker den Almsegen zerstört. Als diese seit langem es sich allzugut hatten gehen lassen, erschien eines Tages gerade zu Mittag ein kleines altes Männlein, setzte sich auf die beste Kuh und ritt auf dieser dreimal um die Almwiesen herum. Die Hirten sahen erst diesem Treiben ruhig zu, endlich aber prügelten sie das Männlein vom Tiere herunter. Da floh der Wicht ergrimmt von dannen und schwur Rache. Und wirklich ward aus der fetten Alpe, die Feisteneck geheißen haben soll, die heutige, dürftig das Vieh nährende Alpe Dürreneck.

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An die "Zwölfereben" im Kötschachtale knüpft sich folgende Sage. Es war an einem Vinzenzitage, als ein Bauer, der das gute Wetter für die Heuernte ausnützen wollte, seine Mähder schon zeitlich früh auf die Almwiesen geschickt hatte. Während im Tale sonst Feiertag gehalten wurde und die Frommen zur Kirche gingen, waren die oben in voller Arbeit. Sie hörten auch das Glockengeläute, das die Wandlung verkündete, aber keiner bis auf einen machte eine Pause, um zu beten; war's aus Angst vor dem Geschimpfe des Bauern, oder waren sie selbst so gleichgültig.

Da löste sich plötzlich vom hohen Gebirge herab eine Lawine und begrub zwölf von den Mähdern; ein einziger nur entkam. Von daher heißt der Platz die "Zwölfereben".

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Auf der Leidalm wächst eine Flechte, die im Volksmunde der Senndinfluch genannt wird. An der Stelle, wo heute dieser wächst, standen einst gar saftige Alpenkräuter, die schweres Vieh gedeihen ließen. Aber in den zwei Almhütten war bei dem großen Almsegen ein Geist der Roheit und ein Schelten heimisch geworden, wie man es sonst nirgends hörte. Von früh bis spät in die Nacht vernahm man das Fluchen der Sennerin und der Knecht machte es nicht anders, besonders wenn sich ein Stück Vieh einmal verirrt hatte. Da schien das Maß ihrer Lasterhaftigkeit voll zu sein, denn es erhob sich ein Hochgewitter, daß die ganze Alpe erglühte von den Blitzen und die Felsen zitterten vom Krachen des Donners. Die beiden Almhütten zischten auf in loderndem Brande und in der Asche unter den Trümmern fand man verbrannt das Gebein der Sünder.

Seitdem ist aber auch die Fruchtbarkeit auf dieser Alm dahin, nur der Senndinfluch hat sich ausgebreitet und mahnt an die Strafe des Himmels.

Quelle: Gasteiner Sagen, Dr. Karl O. Wagner, Bad Gastein, 1926, S. 26 - 38.
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Monika Maier, März 2005.