SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Österreich >> Salzburg >> Gasteiner Sagen

   
 

Gasteiner Sagen, Dr. Karl O. Wagner, Bad Gastein, 1926

Zur Einführung.

Es gibt kaum ein Gebiet im Lande Salzburg, das in der Bedeutsamkeit seiner geschichtlichen Entwicklung so nahe an die Landeshauptstadt heranreicht, wie das Gasteiner Tal. Steht in der Geschichte des Landes die Stadt Salzburg im natürlichen Mittelpunkte und ist ihre Geschichte mit der des Landes innigst verbunden, bildet "die Gastein" ein Gebiet für sich, das seine eigene Geschichte entwickelt hat; räumlich zwar in enge Grenzen gelegt, aber in seinem Inneren doch Platz für einen Volksteil, der in emsiger Arbeit und zielbewußtem Streben sein Schicksal bis zu einem hohen Grade selbst schmieden konnte. Allerdings hat die Natur in den Schoß der Berge auch Schätze gelegt, die nur gehoben werden mußten, um selbständigen Besitz und lohnende Arbeit zu verschaffen; in der Vorzeit das Gold, heute das heilkräftige Wasser der heißen Quellen.

Da nun die Ausbeute dieser Schätze zeitlich ebensoweit zurückreicht, als überhaupt Zeugnisse über menschliche Siedlungen in unserer Gegend sich gefunden haben, war auch in der Gastein die Vorbedingung gegeben, daß die mit der Natur doppelt innig verbundenen Menschen diese belebten mit guten und bösen Geistern, die trotz des Wandels der Zeiten nicht von altem Glauben und Wahn abließen, es könnte durch Zauberkraft ihnen ein Teil der unermeßlichen Schätze zufallen. So sind denn auch die Sagen des Gasteiner Tales vielfach im Volke noch lebendig und vielleicht glaubt mancher noch ganz im geheimen auf das Glück, das ihm in den Schoß fallen möchte. Es ist noch nicht lange her, da gab es im Tale und seiner nächsten Umgebung noch manchen sonderlichen Kauz, der sein Leben diesem Wahne opferte bei gefahrvollem Durchsuchen der Klüfte und Wände des Gebirges, der im geheimen die öffentlich nicht mehr erlaubte Arbeit der Goldwäscherei in der Ache mit bescheidenem Erfolg vollführte, bis in unserer Zeit für solche Beschäftigung kein Platz mehr blieb, wogegen die wissenschaftliche Forschung sich bemühte, auf ihre Weise den Weg zum Golde zu finden.

Neben dem Golde ist es das Heilquellwasser, das selbst wie durch ein Wunder zum Tageslichte geführt wird, das zu frommer Sage Anlaß gibt. Und schließlich möchten unsere Vorfahren die Entwicklung Badgasteins selbst fast für ein Werk übermenschlicher Kräfte halten, wenn sie Gelegenheit hätten zu sehen, was hier geworden ist. Aber auch uns klingt es kaum mehr glaublich, wenn vor nicht viel mehr als hundert Jahren der Domherr Graf Spaur in seiner im Jahre 1800 erschienenen "Reise durch Oberdeutschland" den damaligen Straubingerischen Gasthof mit einer morschen, dem Einstürze nahen Rauchhütte vergleicht, in der jeder Schritt die ganze "Baracke" erschütterte. Schlecht und feuergefährlich findet er den Zustand der Küche und Kamine und bitter klagt er, daß Fenster und Türen schlecht schließen und dem Winde freien Durchzug gewahren. Zehn Jahre später gibt der bayrische Geschichtsschreiber Westenrieder in München eine Schilderung des Lebens, die sich heute wirklich wie ein Märchen liest, wenn es heißt, das hölzerne Gasthaus von Straubinger besaß achtzehn Zimmer, das Mittagmahl bestand aus Suppe, Voressen, Fleisch mit Gemüse, Kalbsbraten und Mehlspeise und wurde schon um elf Uhr eingenommen; das Abendessen umfaßte Suppe, Zuspeise, Kalbsbraten und Mehlspeise und wurde um sechs Uhr aufgetragen. Das wäre an sich nichts Verwunderliches, aber daß man für das alles, wozu noch Bier aus dem Brauhause in Hofgastein kam, und Brot - 22 Kreuzer rheinisch zu bezahlen hatte, das klingt schon fast selbst wie eine Sage.

Aber auch die heute vornehm und bequem eingerichteten Bäder sahen um dieselbe Zeit noch gar merkwürdig aus. Das Bad bei Straubinger, also nicht das bescheidenste, bestand aus einem viereckigen Raum, der mit einer Doppelreihe von Bänken versehen war und in dem ohne ärztliche Überwachung Kranke beiderlei Geschlechtes badeten und für dieses Bad allerdings auch nur vier Kreuzer zu bezahlen hatten.

Wer so die Entwicklung Gasteins in den letzten hundert Jahren bis auf unsere Tage herauf verfolgt, dem mag es nicht mehr wunderlich erscheinen, wie sich in unserem Tale eine so reiche Menge von Sagen gebildet und erhalten haben, wie an fast jede nur irgendwie bedeutsame Örtlichkeit sich eine Sage oder Legende knüpft.

Möge also diese Sammlung der Sagen aus der Gastein das wunderbare Bild der Natur noch mehr beleben und im Zeitalter der modernen Technik uns einen Einblick in das einst so innige Verhältnis zwischen dem Menschen und der Natur bieten.

Dem Heimatfreunde möge diese Sammlung manch halbvergessene Geschichte wieder ins Gedächtnis rufen, für die Jugend sei sie eine Quelle der Kunde von der Heimat, deren Geschichte ganz besonders lebendig hier in Erscheinung tritt.

Quelle: Gasteiner Sagen, Dr. Karl O. Wagner, Bad Gastein, 1926, S. 5 - 8.
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Monika Maier, März 2005.