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Aus dem Leben der Bergknappen.

Das Bergmannslos, durch die vielen Lieder der Bergleute selbst volkstümlich geworden, mit seinen täglich drohenden Gefahren, aber auch der Freude am Segen der Arbeit in der Grube, ist in zahlreichen Erzählungen auch in der Gastein in lebendiger Erinnerung geblieben. Auch hier erzählt man von dem treuen Zueinanderstehen in Not und Gefahr, von beschwerlicher Besteigung der Stollen, namentlich im Winter, von den Gefahren, die den Bergleuten durch die Lawinen drohten und von der ungebrochenen Lebenskraft, mit der sie ihr Schicksal trugen; aber auch von dem Leichtsinn und Übermut, der bei allen denen sich so oft einstellt, die ihr Leben täglich aufs Spiel setzen müssen. Immer wieder steht dann der alte Hutmann vor uns mit seinem tiefen Ernst und Verantwortungsgefühl und neben ihm der junge Knappe in seiner Leichtlebigkeit.

Es nimmt uns nicht wunder, wenn gerade die Übermütigen und ihr Schicksal mehr als die anderen in den Erzählungen vor uns auftreten.

So beginnen wir gleich mit einer Geschichte von einem Knappen, dem der Berggeist schöne Tage, aber auch ein böses Ende bereitet hat.

Da war unter den Weitmoserschen Bergleuten ein junger Bursche, der in froher Lust mit heller
Stimme sein Lied erschallen ließ, wenn er in der Grube gerade mit der schwersten Arbeit aussetzte. Dies machte dem Berggeiste besonderes Vergnügen und eines Tages stand er in Gestalt eines winzigen Bergmännleins vor dem erstaunten Knappen. Da gestand das Männlein, wie sehr es sein froher Gesang erfreue und machte ihm den Vorschlag, es werde für ihn alle Arbeit verrichten, er solle nur zur Grube einfahren und stets fleißig singen. An Segen der Arbeit werde es ihm nicht fehlen, nur dürfe er niemand verraten, was sie beide ausgemacht hätten.

Der Knappe war wohl zufrieden und versprach auch, ihr Geheimnis streng zu hüten. Auch an Geld hatte er keinen Mangel, denn was er forderte, war stets das beste Erz. So lebte er lustig in den Tag hinein und abends klangen seine Lieder im Kreise seiner Kameraden und machten ihn beliebt weit und breit. Aber eines Tages, als er dem Weine zu stark zugesprochen halte, verriet seine Zunge das lang gehütete Geheimnis.
Das Unglück ließ nicht auf sich warten. Als er am nächsten Tage eingefahren war, hörte man plötzlich in dem Gange, wo er arbeitete, ein fürchterliches Krachen und Donnern und als die Nächsten zu Hilfe eilen konnten, fanden sie ihn jämmerlich erschlagen von den herabgestürzten Felstrümmern. Der erboste Berggeist hatte ihn gestraft für den Verrat und sein Geist muß seitdem im Schachte umgehen.

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In den langen Winternächten, in denen seit ältester Zeit bis heute das Perchtenlaufen als Scherz mit heidnisch-religiösem Grundgedanken gepflegt wurde, waren die Knappen allen anderen bei diesem Spiele voran. Da hörte einst ein verwegener Bursche ein altes Weib sagen, das Perchtenlaufen sei noch einmal so lustig, wenn man vierzehn Tage vorher kein Wort gebetet und kein Kreuz gemacht habe. Da dachte er, das könne er leicht einmal versuchen.

Als dann das Perchtenlaufen kam, war alles in der ausgelassensten Stimmung, am übermütigsten aber trieb es unser Knappe. Plötzlich löste er sich aus der Reihe der übrigen los, sprang auf den Brunnen, von da aufs Hausdach, von dort hoch in die Lüfte und blieb über dem nahen Föhrenwald schweben. Die Zuschauer, die meinten, es habe sich der Teufel leibhaftig, wie er es anderswo schon getan, mit unter die Perchten gemischt und treibe sein Unwesen, eilten zum Geistlichen, damit er den Teufel banne. Der holte auch aus der Kirche das Hochwürdigste und erteilte auf dem Platze nach allen Seiten hin den Segen. Im nächsten Augenblick schon ertönte aus den Lüften ein furchtbarer Klageschrei und die Percht stürzte aus der Höhe herab.
Mit Grauen erkannten die Hinzueilenden den Knappen und einer seiner Kameraden meinte: "Dem ist's zu gut gegangen und gar so sehr hat er sich aufs Perchtenlaufen gefreut; jetzt pfeift er aus dem letzten Loche." Der am Boden Liegende aber war so ganz im Banne des Teufels, daß er sterbend noch sagte: "Der Vikar hätte sich seinen Segen sparen können; in der Luft war es so lustig, daß ihr es euch gar nicht vorstellen könnt. Wie aber der Geistliche kam, mußte der Teufel mich auslassen und so habe ich mein Teil." Nach diesen Worten hauchte er sein übermütiges Leben aus.

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Im tiefsten Grunde des Tales, am Mallnitztauern breitet sich eine Hochfläche aus, die Schlapperebene. An dieser heute öden Stelle herrschte einst eitel Lust und Freude bei einem überaus gesegneten Bergbau. Die Häuser der Knappen standen im Schatten herrlicher Zirben und verrieten den besonderen Wohlstand ihrer Bewohner, die in ihrem Überfluß so übermütig waren, daß sie nicht nur in der arbeitsfreien Zeit es sich über die Maßen gut gehen ließen, sondern eine ganze Weile weit ins Land zogen, von einem Orte zum anderen, prassend und schlemmend überall ihr gottloses Leben zur Schau tragend und Ärgernis verbreitend.

Wenn ihre Taschen leer waren, kamen sie wieder zurück, dann ging das Leben von vorne wieder an.

Da war wieder einmal ihr Geld zu Ende gegangen und sie zur Schlapperebene zurückgekehrt. Aber schon in der ersten Nacht brach ein so fürchterlicher Schneesturm los, daß die ganze Gegend mitsamt den Knappenhäusern und den ertragreichen Stollen für ewig unter der tiefen Eisdecke begraben wurde.
Manche Leute wollen heute noch an der Eiswand in den Eiskristallen die Gestalten der von der strafenden Hand des Herrn ereilten Bergknappen erkennen.

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Vielleicht hat manchmal übermütiges Leben der Knappen den Anlaß gegeben, schwere Verschüttungen als Strafe des Himmels anzusehen, aber oft mag es auch brave Leute genug gegeben haben, die das Schicksal ereilt hat. Gerade auf der Schlappereben entdeckte man in heißen Sommern noch in der ersten Hälfte des abgelaufenen Jahrhunderts einen aus dem Eise aufragenden Schornstein eines Knappenhauses und vor hundert Jahren soll sich sogar ein Bergarbeiter an einem Seile darin hinuntergelassen haben; da fand er in der Tat eine Küche, die noch ziemlich erhalten war, die anderen Räumlichkeiten waren jedoch völlig eingestürzt und verschüttet. Von diesem Knappen-Hause erzählt die Sage, die also an eine ganz bestimmte Begebenheit anknüpft:

Am Feierabend waren alle Knappen im behaglichen Hause versammelt und genossen die Ruhe des Abends. Da donnerte eine Lawine zu Tal und begrub das ganze Haus mit allem, was darinnen war. Schneestürme wehten unendlichen Schnee auf die lebendig Begrabenen, so daß auch von außen niemand zur Rettung kommen konnte. Zwölf Bergleute saßen nun in der Nacht, die ewig werden sollte, denn jeder Versuch, sich durchzuschaufeln, war mißlungen. Ein neuer Gast gesellte sich bald zu ihnen, ein schlimmer Geselle, der Hunger. Trotz größter Sparsamkeit waren die Vorräte aufgezehrt, schon graben Hunger und Todesangst Furchen in die Gesichter und verstört irrt der Blick zur Erde; nur Seufzer unterbrechen noch dann und wann dieses tödliche Schweigen.

Da rafft sich der Hutmann zu einem verzweifelten Vorschlag auf: das Los solle entscheiden, wer zuerst sterben soll, um als Speise den anderen das Leben zu verlängern. Mit Entsetzen hören die Knappen die Worte, aber der Hunger lässt jedes menschliche Gefühl erstarren; sie greifen nach den Würfeln, sie werfen, das Los fällt auf den Bergschmied. Wie Pfeile treffen ihn die Blicke der Kameraden; wenngleich manchen das Mitleid erfaßt, es wird doch durch den Hunger wieder Verscheucht. Der junge Bergschmied sieht sein Ende vor sich und erbittet sich nur noch eine Stunde Frist, seine Seele Gott zu empfehlen. Um ganz allein zu sein, geht er hinaus in die Grube, in die er so oft eingefahren und aus der er immer wieder glücklich zurückgekehrt war. In Demut wirft er sich vor Gott auf die Knie und betet, es möge der Herr sein Schicksal lenken, denn von den Gesellen war auf keine Schonung zu rechnen. Schon will er sich erheben und in Ergebung den Kameraden zum Opfer stellen, da hört er das Rieseln der Quelle, die dem Schachte entspringt und als kleines Bächlein im Schnee verrinnt. Da kommt ihm ein rettender Gedanke. Wie, wenn das Wasser sich einen Gang gegraben hätte, in dem Platz wäre, hindurchzuschliefen. Rasch entschlossen, legt er den Rock ab, wirft sich in das Wasser und arbeitet sich hinein in den kalten, schmalen Gang, der noch Raum zum Atmen gibt und, wie auch das nicht mehr möglich ist, taucht er unter und windet sich wie ein Aal nach abwärts. Als schon die letzten Kräfte zu schwinden drohen, da fühlt er, wie es heller wird und mit dem letzten Aufgebot des Lebenswillens erreicht er das Tageslicht. Wie vom Tode erstanden erblickt er die Außenwelt in ihrer Pracht: in unendlicher Dankbarkeit wirft er sich vor seinem Schöpfer nieder zu kurzem Gebete.

In Eile aber stürzt er dann hinab ins Tal, um seiner Mutter von der Errettung Kunde zu bringen, nur Augenblicke vergönnt er sich in ihren Armen, dann eilt er fort, die Knappen im Tale aufzubieten, den Begrabenen Rettung zu bringen. Eine ganze Schar beherzten Bergvolkes führt er zur Höhe; rastlos arbeiten sie sich durch den Gang, den das Wasser gegraben und erreichen den Stollen. Doch zu spät. Der freudige Ruf des Retters verhallt im leeren Hause, wo die Zurückgebliebenen schon verhungert lagen.

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Ein andermal wurde die Knappenschar wie durch ein Wunder gerettet. Da war es in der Christnacht, daß im Knappenhause in Böckstein gerade alle in der warmen Stube versammelt waren, um zu warten, bis es Zeit zum Aufbruche sei, denn nach alter Sitte gingen sie zusammen hinunter in die Nikolauskirche ins Bad zur Christmette.

Da ertönte plötzlich vor der Zeit das Glöcklein, das zum Aufbruche rufen sollte, ganz merkwürdig
hell und alle staunten, was das zu bedeuten habe. Sie fragten nach, wer denn geläutet habe, konnten aber niemand finden. Da läutete es plötzlich wieder, noch heller, noch stärker als zuvor. Da fragten sie nicht weiter nach und dachten nur, solches Läuten müsse besondere Bedeutung haben und machten sich auf den Weg zur Kirche.

Welch ein Anblick bot sich ihnen, als sie nach der Mette heimkamen! Wasserstürze und Lawinen waren niedergegangen und hatten das ganze Werks-Haus zerstört und verschüttet. Da waren sie dock durch ein Wunder gerettet worden, oder es glaubte mancher, ein freundlicher Gnom vom Radhausberge hätte das Glöcklein zur rechten Zeit gezogen und sie in Sicherheit gebracht.

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Der Radhausberg, die ergiebigste Grube durch lange Zeit, scheint überhaupt ein Hort guter Geister gewesen zu sein. Zwölf Knappen, die an einem kühlen Herbstmorgen dort eingefahren waren, hatten noch keine Stunde gearbeitet, als ihnen deutlich der Ruf "Schicht aus" entgegenklang. Sie konnten nicht verstehen, was der Ruf bedeuten sollte, denn so kurze Arbeitszeit konnte doch nicht genügen. So hauen sie ruhig fort, bis nach kurzer Zeit derselbe Ruf ertönt, diesmal noch stärker und noch mehr gezogen. Daraufhin war es ihnen nicht ganz geheuer und sie eilten zum Ausgange, wo der Hutmann mit Erstaunen sie zurückkommen sah und fragte, warum sie den Schacht verlassen hätten. Noch war nicht Zeit zur Antwort, als vom Schachte her ein furchtbares Gepolter sich hören ließ, unter dem der ganze Stollen eingefallen war.

Solange Bergleute auf den Radhausberg fuhren, dankten sie dem Berggeiste für diese wunderbare Rettung der braven Bergleute.

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Es muß ein niederdrückendes Gefühl die Gasteiner beherrscht haben, als sie es erleben mußten, wie der Bergsegen eigentlich sehr bald nach seiner höchsten Blüte allmählich, aber stetig niederging. Wieder ist es für unser Volk sehr bezeichnend, daß es die Schuld hiefür auf sich nahm und das Unglück als Strafe des Himmels hinnahm, dafür, daß Knappen in ihrem Übermute in gesegneten Tagen gefrevelt haben. So entstand in gleicher Art wie im besonderen für die Familie der Weitmoser die Sage vom wiedergefundenen Ringe, die Sage vom geschundenen Ochsen.

Die Knappen des Herrn Christoph Weitmoser hatten einst im Bergwerke ihres Herrn einen fast vierzigpfündigen Klumpen Goldes gefunden. Das war nun ein besonderer Glücksfall gewesen, der aber die Hoffnung erweckte, daß man auf eine besonders ergiebige Goldader gestoßen sei, die den Gewerken und seinen Bergleuten ungemessenen Reichtum bringen werde. Weitmoser gab auch selbst seinen Leuten ein prächtiges Fest, sparte nicht in der Bewirtung und das übermütige Volk tat noch das seine weiter dazu. Schon waren sie so weit, daß ihnen das Fleisch des fetten Schweines, das der Wirt auftrug, zu wenig vornehm war und sie nach einem gebratenen Ochsen lüstern wurden.

Da kam des Weges ein Bauer, der gerade einen feisten Ochsen vor sich hertrieb. Wie eine Meute fielen sie über das Tier her und zogen dem lebenden Ochsen die Haut ab, um ihn wie beim Feste der Kaiserkrönung als ganzen zu braten. Unter rohestem Gehaben der Knappen wälzte sich das arme Tier in Schmerzen auf dem Boden. Nur ein Knappe war unter ihnen, der Mitleid hatte und mahnend rief, es heiße doch Gott versuchen, ein wehrloses Tier so zu martern. Die andern aber schrien: "Was schert uns ein Ochse, das Schweinefleisch schenken wir den Bettlern, sein Fleisch ist ein Braten für uns. Und so wenig der Ochse noch einmal brüllen und aufstehen wird, ebensowenig ist Gefahr, daß das Gold im Radhausberg versiegt."

Diese Lästerung war kaum verhallt, da erhob sich der Ochse brüllend, daß furchtbar die Klage im Tale widerhallte und in rasendem Laufe eilte er dem Kötschachtale zu, wo er in die Tiefe stürzte und dort seinen Tod fand.

Vor Schreck erstarrt standen die Knappen; die Lust war ihnen vergangen, Spiel und Gelage hatten ihr Ende und mit Bangen sahen sie dem Kommenden entgegen. Als sie am nächsten Morgen in den Schacht einfuhren, war die reiche Goldader, die sie kaum gefunden hatten, wieder verschwunden. Von da an war es auch mit dem Bergsegen vorbei.

Quelle: Gasteiner Sagen, Dr. Karl O. Wagner, Bad Gastein, 1926, S. 63 - 74.
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Monika Maier, April 2005.