SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Österreich >> Salzburg >> Pongau

   
 

Das Filzmooser "Kindl"

Zur Zeit, als die Gegend von Filzmoos noch größtenteils Viehweide war, hörten zwei fromme Hirten einmal ganz unerwartet in dieser Gegend ein kleines liebliches Glöcklein. Neugierig gingen sie dem Klange nach und fanden zu ihrer Verwunderung an der Stelle, wo jetzt die Ursprungkapelle steht, ein geschnitztes Bildnis des Jesukindes auf einem halb verfaulten Baumstocke stehen, das zu ihrem Erstaunen ein Glöcklein läutete und die drei ersten Finger der rechten Hand in die Höhe hielt. Diese wunderbare Begebenheit zeigten die Hirten alsogleich dem Pfarrer von Altenmarkt, als ihrem damaligen unmittelbaren Seelsorger, an. Ihre Angaben wurden richtig befunden, das Bild erhoben und nach Altenmarkt überbracht. In der darauffolgenden Nacht aber verschwand das Bild in Altenmarkt wieder und wurde auf Nachforschen wieder an demselben Ort wie früher gefunden. Hierauf wurde es zum zweiten Male erhoben und in das einen Büchsenschuß entfernte St. Petruskirchlein übersetzt, wo es bis zum heutigen Tage verblieben ist und sich seitdem der göttliche Heiland mittelst dieses Bildes gnadenreich erwiesen hat. Auf einem schon vor hundert Jahren, 1772, wegen Alter fast unkenntlichen Antependium war der Ursprung, wie vorerzählt, bildlich dargestellt, und schon damals versicherten die ältesten Leute, von ihren Eltern und Voreltern den Ursprung nie anders erzählen gehört zu haben. Herr Vikar Egger fand im Jahre 1771 bei Herrn Mathias Eckschlager, Apotheker zu Radstadt, "eine ware Abbiltung des Filzmoser'schen Christ-Kindl, auf dessen Postamentl 1511 gemalen" stand, konnte jedoch nicht entscheiden, ob diese Zahl das Jahr des Ursprunges oder der Anfertigung dieser Abbildung bedeuten solle. Das in der Mitte des Hochaltares, an der Stelle des Altarblattes stehende Gnadenbild des Jesukindes in Lebensgröße, über drei Schuh hoch, ist aus Holz gefertigt. Das Jesulein ist stehend abgebildet, hält die Füße kreuzweise übereinander, das Glöcklein in der rechten, die Weltkugel in der linken Hand. Seit hundert Jahren schmückt eine reichverzierte Krone sein Haupt; von wem es aber gekrönt worden, findet man nirgends aufgezeichnet. Nur eine Sage hat sich erhalten, daß, als man die Krone auf dem Haupte des Gnadenbildes befestigte, aus demselben Blut geflossen sei. Das Haupt des Jesukindes ist etwas seitwärts und nach vorne geneigt, das starke Haupthaar ist gelockt, die Augenbrauen stark hervortretend, die Augen groß und geöffnet, die Wangen eingedrückt, die Lippen etwas aufgeworfen mit halb lächelnden, halb wehmütig ernsten Zügen um den Mund, anziehend zugleich und doch Ehrfurcht gebietend. Muß nun schon der bloße Anblick des Gnadenbildes, wie es da droben steht auf dem Hochaltare inmitten zwischen zwei Engeln, so freundlich, liebevoll und mild, uns Liebe und Vertrauen zum göttlichen Jesukinde einflößen, so müssen wir in unserem Vertrauen noch mehr bestärkt werden durch die vielen wunderbaren Gnadenwirkungen, die hier die frommen Wallfahrer erfahren haben. Des Glöckleins wegen wurde dieses Gnadenbild auch das "Glockenkindl" genannt und war unter diesem Namen weithin bekannt und gepriesen.

Quelle: Math. Jäger, ausführliche Beschreibungen der Wallfahrt zum gnadenreichen Jesuskindlein in Filzmoos, Innsbruck, 1874, zit. nach Leander Petzold, Sagen aus Salzburg, München 1993, S. 262.

*

Hirten erlebten es, daß sie ihre Herden über Nacht auf unerklärliche Weise verloren und sie erst des anderen Tages nach langem Suchen, in andächtiger Stellung um das Bildnis des Jesukindes geschart, wiederfanden. Das ereignete sich drei Nächte hindurch. Sie zeigten schließlich diesen seltsamen Vorgang ihrem Seelsorger, dem Pfarrer von Altenmarkt, an, der das Bild zuerst in seine Pfarrkirche überbringen und in der Maria Tann-Kapelle aufstellen ließ.

Quelle: R. von Freisauff, Aus Salzburgs Sagenschatz, Salzburg1914, S. 182 f, (gekürzt), zit. nach Leander Petzold, Sagen aus Salzburg, München 1993, S. 264.