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DER ALTE WEITMOSER

Zu Gadaunern im Gasteintale wohnte im fünfzehnten Jahrhundert Erasmus Weitmoser, ein redlicher Landmann. Da aber der Ertrag der Felder nur gering war, so trieb es ihn, das Bergglück auf dem Rathausberge im Tale Gastein zu versuchen; allein er hatte auch hier so wenig Mutung, daß er all das Seine innerhalb dreier Jahre dabei zusetzte und in bittre Armut sank.

Eines Tages, es war am Osterheiligabend, war er so sehr von Geld entblößt, daß er nicht einmal für sich und die Seinen ein Stück Fleisch zum Festtage verschaffen konnte. Traurig saß er vor seiner Hütte und hatte den letzten Laib Brot angeschnitten. Sein treues Weib, Elisabeth Fözlin, ging schweigend von ihm hinweg und verkaufte ihren Schleier und ihr Brautkleid, und kam wieder und brachte ihrem lieben Manne Fleisch und Wein, auf daß er frohe Ostern feiere. Noch am selben Tage ward ihre Tat im Dorfe Gadaunern ruchbar, und in derselben Woche im ganzen Tale, und kam vor den Erzbischof Leonhard von Salzburg (andere sagen: Matthäus Lang von Wellenburg), und jedermann rühmte des Mannes Redlichkeit und seinen unermüdlichen Fleiß und des Weibes Liebe und Treue. Daließ der Erzbischof den Weitmoser rufen, belobte ihn und lieh ihm eine ansehnliche Summe Geldes, man sagt hundert Taler, auf daß er das angefangene Werk damit fördere und vollende; wenn es ihm glücke, solle er dem gnädigen Herrn das Geld zurückerstatten, widrigenfalls solle es ihm geschenkt sein. Und der Weitmoser war von da ab überaus glücklich; Gold auf Gold fand sich in den ergiebigsten Adern. Gar bald konnte er dem Fürsten das Geld zurückerstatten und wurde der reichste Gewerke in dem ganzen Umkreise der Stadt Salzburg. Gar viele Hütten und Höfe im ganzen Gasteiner Tale waren sein, und er war wohl angesehen bei Hohen und Niedern. Sein Kaiser erteilte ihm ein adeliges Wappen und erhob ihn zu hohen Würden. Als im Jahre 1539 Ludwig von Bayern in die Gastein kam, brachte ihm Weitmoser, als der erste Gewerkherr, einen Ochsen und ein Faß Wein zum Gastgeschenke. Einmal fiel er beim Erzherzog Ferdinand von Österreich in Ungnade, und als er diesen Fürsten nun um Vergebung anflehte, legte er einen silbernen Helm, mit Gold gefüllt, zu dessen Füßen.

Wie dieser von Gott gesegnete Mann, der den Bergbau dieser Gegend zum höchsten Flor brachte, auf dem Sterbebette lag, kamen noch freudig einige Knappen und verkündeten, daß abermals ein reicher Golderzgang entdeckt worden sei, da sprach er fromm: "Ich bin am Ziele meiner Laufbahn; mein schönster Gang ist Jesus Christus, unser Herr und Heiland, auf dem ich jetzt eingehen werde in das ewige Leben" - und verschied.

Seinen drei Söhnen hinterließ er weit über eine Million, seinen vier Töchtern jeder fünfundsiebenzigtausend Gulden, außerdem machte er noch viele ansehnliche Stiftungen.


Quelle: Volkssagen, Mährchen und Legenden des Kaiserstaates Österreich, Ludwig Bechstein, 1840