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WARUM WIRKLICH DER BERGSEGEN ERLOSCH

Nach der Blütezeit des Bergbaues im 16. Jahrhundert ging es mit dem Ertrag der Stollen und Schächte rasch bergab. Die Gletscher rückten immer weiter vor und begruben manche der hochgelegenen Baue; die Erzvorkommen waren erschöpft, und neue wurden nicht mehr gefunden. Aus der Neuen Welt flössen Ströme Goldes nach Europa, während die Gestehungskosten des Tauerngoldes infolge der steigenden Löhne immer höher wurden. Auch die Lebensansprüche der Menschen wurden nun andere, und viele der Bergknappen wollten das unbeschreiblich harte und eintönige Leben in den Berghäusern am Rande der Gletscher einfach nicht mehr führen. Alles das half zum Niedergang der Bergwerke im Gasteiner Tal zusammen.

Das Volk aber suchte nach überirdischen und zauberhaften Ursachen und wußte bald eine Unzahl von Geschichten darüber zu berichten.

EIN FREVEL WIRD BESTRAFT

Die Knappen des reichen Gewerken Christoph Weitmoser hatten im Bergwerk ihres Herrn einen vierzigpfündigen Klumpen reinen Goldes gefunden. Sie hielten dies für ein Zeichen, eine neue, besonders ergiebige Erzader angefahren zu haben, und der Weitmoser gab deshalb seinen Leuten ein üppiges Fest.

Sie hatten reichlich gegessen und noch mehr getrunken, und als nun der Wirt mit vielen Bücklingen noch ein gebratenes Schwein auftragen ließ, begannen sie wüst zu lärmen und aufzubegehren. „Einen gebratenen Ochsen wollen wir haben", brüllten sie, „nicht ein solch armseliges Schwein!"

Da kam eben ein Bauer des Weges, der einen feisten Ochsen vor sich hertrieb. Sie fielen über das arme Tier her und zogen ihm bei lebendigem Leibe die Haut ab!

Die geschundene Kreatur brüllte in wildem Schmerz gräßlich auf, doch die trunkenen Gesellen lachten und brüllten darüber vor Freude.

Nur ein einziger unter den Knappen machte ihnen Vorwürfe, das arme Tier so zu martern, und warnte, daß Gott auf solche Weise nicht mit sich spielen lassen werde.

Doch die andern überschrien ihn: „Ochse hm, Ochse her! Sowenig das Vieh noch einmal aufstehen wird, ebensowenig ist Gefahr, daß das Gold im Radhausberg jemals versiegt!" Bei diesen Frevelworten sprang das todwunde Tier plötzlich auf. Furchtbar widerhallte seine Klage. In rasendem Lauf eilte es dem Kötschachtal zu: über einen Felsen stürzte es sich zu Tode.

Bei diesem Anblick wurden die Trunkenen plötzlich nüchtern. Das Spiel der Musikanten verstummte, verstört schlich sich ein Knappe nach dem ändern davon, eine bange Ahnung kommenden Unheils überkam sie.

Und wirklich, als sie am nächsten Morgen wieder in den Berg einfuhren, da waren zu ihrem Entsetzen alle Goldadern wie weggezaubert!

So sehr sie sich in den kommenden Wochen und Monaten auch mühten, das entschwundene Erz wieder aufzufinden, es war und blieb für immer dahin.

In einer alten Chronik heißt es über diesen Vorfall:

„Es ist auch die gemeine Saag, da die Knappen derselben Zeit mit silbernen Platten zum Zill geschossen haben; sein auch so übermütig gewesen, da sie einem Ochsen lebendig die Hauth über die Ohren abzogen und also lauffen lassen. Darnach seym von Stund an da Perichwerch verschwunden, sich abgeschnidten und verloren worden und weiter nichts mehr geschaffen Khönnen."*)

*) Eine ganz ähnliche Begbenheit erzählt man sich vom einstmals sehr goldreichen Hüttwinkeltal in der Rauris und von der Pölla und dem Berg Lanisch in Kärnten.

Quelle: Josef Brettenthaler, Das große Salzburger Sagenbuch, Krispl 1994, S. 167.