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DER BERGGEIST VON DER HOHEN SCHNEESTELLE

Vom Ort Böckstein im Gasteiner Tal aus gelangen wir in das Naßfeld. Vorüber an rauschenden Wasserfällen erreicht man nach herrlicher Wanderung eine gewaltige, baumlose Hochmulde, die rings von hohen Tauerngipfeln überragt wird. Heute ist dieses „Sportgastein“ auf einer neuen Straße zu erreichen. In dieser ganzen Gegend wurde einst nach Gold gegraben; man findet die teilweise noch gut erhaltenen Stollen und die verfallenen Knappenhäuser weit über die Waldgrenze hinauf bis zu den Gletschern, und es ist ein gar seltsam ernster Anblick, diese einstmaligen Stätten menschlichen Schaffens und eifriger Arbeit heute verödet inmitten der tiefen Bergeinsamkeit liegen zu sehen.

Ein solcher Ort ist auch eine Gletscherwand im Naßfeld - die sogenannte Hohe Schneestelle. In ihr soll ein reiches Goldlager verborgen sein, doch es tritt nur in außergewöhnlich heißen Sommern zutage.

Ein waghalsiger Bursche aus dem Gasteiner Tale wußte darum und machte einmal den Versuch, den Zugang vom Eis freizulegen. Eben holte er mit seiner Hacke zu einem besonders wuchtigen Schlag aus, als er plötzlich von unsichtbarer Hand einen so schweren Hieb auf seinen Arm erhielt, daß er die Hacke fallen ließ. Diese verschwand im Eiswasser, und gleichzeitig vernahm er aus der Tiefe der Wand eine Stimme: „Du hast alles, was du brauchst. Zu Reichtum bist du nicht geboren, deshalb kehre um! Diesmal habe ich dir die Hacke aus der Hand geschlagen; versuchst du es noch einmal, dann geht es dir ans Leben!" Der Bursche lief so rasch er nur konnte nach Hause und dankte Gott, daß er mit dem bloßen Schrecken davongekommen war. Lange Zeit beherzigte er die Warnung des Berggeistes. Aber schließlich erwachte die Sucht nach dem Golde in ihm immer mehr, und so stieg er denn richtig eines Tages wieder zur Hohen Schneestelle empor.

Er kehrte nicht wieder! Erst Monate später fand man die gräßlich verstümmelte Leiche in einer Schlucht. Der Berggeist hatte an ihm erfüllt, was er ihm angedroht hatte.

Quelle: Josef Brettenthaler, Das große Salzburger Sagenbuch, Krispl 1994, S. 170.