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DIE "MAULTASCHLIN"

Von der Tiroler Herzogin Margarethe Maultasch, im Volke kurzhin „die Maultaschlin" genannt, wird im Lungau manche Sage erzählt. Sie tritt in den alten Berichten als gewaltige Kriegsheldin auf, die alles, was sich ihr nicht unterwarf, vernichtete und zerstörte. So wird erzählt, daß sie mit ihren Kriegsscharen in den Lungau eingedrungen sei und dort arg gehaust habe. Sämtliche Burgen und Schlösser habe sie belagert und die meisten davon zerstört. Wenn man irgend eine alte zerfallene Burg erblickt, so heißt es: „Das hat die Maultaschlin getan." Von Kärnten aus drang sie der Sage nach mit ihren Kriegsscharen, der alten Römerstraße folgend, von der Höhe des Aineck herab in den Lungau ein, zerstörte die am Fuße dieses Berges gelegene Burg Aineck und wandte sich dann, dem Murflusse folgend, talaufwärts vor die am Eingange der Täler Mur und Zederhaus gelegene Burg Oberweißburg, die sie ebenfalls dem Erdboden gleich machte. Dann zog sie nach Moosham und Mauterndorf. Diese Burgen soll sie ebenfalls belagert haben, doch von ihnen, da sie diese nicht einzunehmen imstande war, wieder abgezogen sein. Auch kam es bei den sogenannten „Drei Kreuzen", die auf einem Hügel bei Steindorf, eine halbe Stunde von Mauterndorf entfernt stehen, zwischen ihr und ihren Gegnern zu einem Treffen, das für die Maultasch siegreich ausfiel *). Nachdem sie auch das naheliegende Schloß Pichl zerstört hatte, stand ihr der Weg nach Osten gegen Steiermark hin offen. Sie zog nun mit ihren Kriegern vor die am Eingange des Lessachtales gelegene Burg Thurnschall, welche sie ebenfalls in einen Schutthaufen verwandelte. Beim Verlassen des Lessachtales stellten sich ihr die tapferen Wöltinger entgegen, welche der Maultasch eine Schlappe beibrachten, so daß sie eiligst über Tamsweg gegen Seethal abzog. Auf dem Wege dorthin überfiel sie die Burg Schloßberg, die ihr ebenfalls zum Opfer fiel. Hier aber soll sie vom Tode ereilt worden sein und auf einem Hügel neben der Straße in der Nähe der Ruine Schloßberg begraben liegen. Die tapferen Wöltinger aber erhielten von ihrem Landesherrn für die Besiegung der Maultasch das Privilegium, bei allen Aufzügen den Samson als Symbol der Stärke und Tapferkeit mitführen zu dürfen.

*) Bei einer vor nahezu hundert Jahren erfolgten teilweisen Abtragung des Hügels bei den „Drei Kreuzen" wurden verschiedene Waffenreste und Menschenknochen aufgefunden, welche man dem Treffen mit der Maultasch zuschrieb.


Quelle: Michael Dengg, Lungauer Volkssagen, neu bearbeitet von Josef Brettenthaler, Salzburg 1957, S. 35