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DER WEIßECK-HUND

Am Fuße des Weißecks, im sogenannten „eing'haagten Moos", haust der Weißeck-Hund. In finsteren Nächten, wenn die Gewitter toben, die Blitze sich kreuzen und die Gewalt des Donners die Berge erzittern macht, kann man sein Bellen hören. Das Untier sitzt auf einem Felsen, hält einen Schlüssel im Maul und bewacht die ungeheuren Schätze, die der Berg in seinem Inneren birgt. Wer den Mut hat, ihm diesen Schlüssel zu entreißen, der eröffnet sich damit den Zugang zu diesen unermeßlichen Schätzen, er erlöst zugleich aber auch die dort verbannten Wesen. Aber nicht jeder hat das Glück, diesen Hund zu sehen oder sich ihm überhaupt zu nahen. Nur hie und da hat ein einsamer Wanderer, der in solch einer Nacht hier vorüberging, ihn hoch droben am Felsen sitzen gesehen. Diejenigen aber, die es versucht hatten, sich dem Hunde zu nahen und ihm den Schlüssel zu entreißen, wurden jedoch durch das schreckliche Gebaren des Gespensterhundes jedesmal wieder abgeschreckt und liefen entmutigt davon.

Da kam einmal eines Abends zur Bäuerin des Oberschwarzen-bichler-Gutes, einem zuhinterst im Winkel liegenden Gehöfte, ein kleines Männlein und forderte sie auf, mit ihm zu gehen, es werde ihr zu ungeheuren Schätzen verhelfen, wenn sie das tue, was es ihr befehle. Die Bäuerin war gleich damit einverstanden und ging mit dem unbekannten Männlein, welches sie taleinwärts führte. Beim „eing'haagten Moos" blieb das Männlein stehen, zeigte mit der Hand nach dem Felsen, dessen Umrisse in der Dunkelheit auftauchten, und sagte, zu der Bäuerin gewendet: „Hier auf diesem Felsen wirst du den Weißeck-Hund treffen, von dem du gewiß schon gehört hast; er trägt einen Schlüssel im Maul und diesen mußt du ihm zu entreißen suchen. Gelingt dir dies, so steht dir der Zugang zu dem Felsen offen, der unermeßliche Schätze birgt; damit werden aber auch wir von dem Banne, der uns hier gefangen hält, erlöst, und so ist uns beiden geholfen." Die Bäuerin versprach, alles zu befolgen und das Männlein rief ihr noch einmal nach: „Nur nicht den Mut verlieren, sonst ist alles verloren." Als die Bäuerin auf den Felsen zuschritt, sah sie auf dem grauen bemoosten Gestein einen dunklen Gegenstand hingelagert, in welchem sie bei näherem Zusehen den Weißeck-Hund erkannte, dessen tiefschwarze Farbe sich deutlich vom grauen Felsen abhob. Rasch schritt sie auf ihn zu und als sie ihm nahe war, bemerkte sie auch den Schlüssel, welchen er zwischen den Zähnen eingeklemmt trug. Mutig griff sie darnach und suchte ihm denselben mit Gewalt zu entreißen. Da begann sich die scheinbar leblose Gestalt zu regen, ihre Augen sprühten Feuer und, ein Wutgeheul ausstoßend, schien sich der Weißeck-Hund auf die Bäuerin stürzen zu wollen, welche durch sein fürchterliches Gebaren in namenlose Angst geriet. Heißglühender Atem strömte ihr aus seinem Rachen entgegen und machte ihr die Hand erzittern. Ihr Mut begann plötzlich zu sinken und von Grauen und Entsetzen erfaßt ließ sie den Schlüssel, welchen sie dem Hund schon mehr als zur Hälfte entrissen, wieder los und eilte wie von wilden Furien gepeitscht von dannen. Alles Bitten und Zureden des Männleins war umsonst, die Bäuerin war nicht mehr zu halten und sie suchte das Weite.

Und so sind diese Schätze heute noch nicht behoben und die dort verbannten Wesen harren noch immer ihrer Erlösung. Noch heute haust der Weißeck-Hund auf dem Felsen, hält den Schlüssel im Maul, bewacht die Schätze und läßt von Zeit zu Zeit sein Bellen hören.


Quelle: Michael Dengg, Lungauer Volkssagen, neu bearbeitet von Josef Brettenthaler, Salzburg 1957, S. 127