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DER UNTERSBERGER

In der Nähe des Untersberges, gegen Bayern zu, liegt ein schönes Bauerngut, das von einem Hügel herab weit ins Land hineinsieht. Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts lebte auf demselben in Friede und Eintracht ein junges Ehepaar, das sich seines Daseins in Ehren freute, fleißig zur Arbeit sah und von Gott auch sichtbar gesegnet war; denn reiche Ernte trugen Wiesen und Felder unter seinen Händen.

Doch nicht immer sollte es so bleiben. Treuhart, so der Name des Bauern, traf eines Tages mit Wildschützen zusammen, die ihn überredeten, mit ihnen dem Waidwerke zu frönen. Von der Stunde an wurde ihm die Jagd zur Leidenschaft und ein böser Geist zog ein in das bisher so glückliche und friedliche Gehöfte. Treuhart vernachlässigte die Arbeit, das früher so blühende Anwesen verfiel bald sichtbar, der Reichtum schwand dahin wie Rauch und mit ihm das Glück der Bäuerin; denn ihr Mann war ein wüster Geselle geworden, der den Namen Gottes nicht mehr über seine Lippen brachte und entsetzlich fluchte, wie nie zuvor.

Eines Tages, bei einbrechender Nacht, erscholl wieder der Lockruf von Treuharts Jagdgenossen. Kaum hatte er ihn vernommen, als er auch schon nach der Büchse griff und hinauseilte in den Wald, trotz der Bitten seiner Frau, die ihn um alles beschwor, heute daheim zu bleiben.

Bald war er bei den Jagdgenossen angelangt, bemerkte aber zu seinem Erstaunen, daß er sich unter ihm völlig Unbekannten befinde. Allein im nächsten Augenblicke erschollen die Jagdhörner, und fort ging's durch dick und dünn.

Tag um Tag, Woche um Woche verfloß, Treuhart kehrte nicht wieder. Mehr als ein Monat war seit seinem Verschwinden schon verflossen, da kam an einem Herbsttage ein Fremder auf den Hof und fragte nach dem Bauern. Die tiefbekümmerte Frau erzählte ihm mit Tränen in den Augen, was geschehen. Der Fremde tröstete sie und sprach: »Sei guten Mutes! Dein Mann wird wohl noch wiederkehren; vielleicht hält ihn nur der Untersberger zurück. Ich will dir indessen einen Knecht schicken, der dir das Hauswesen besorgen hilft.«

Die Arme wußte nicht, was sie bei diesen Worten denken sollte. Als indes der Fremde fort war, fühlte sie sich so eigentümlich wohl: ein Schimmer von Hoffnung, ihren Mann wiederzusehen, war in ihre Brust eingekehrt.

Wenige Tage daraufkam der verheißene Knecht und übernahm sofort die Leitung der ganzen Wirtschaft. Im nächsten Frühjahr standen Felder und Wiesen im herrlichsten Schmuck, wie von Gottes Segen überschüttet; der Herbst füllte Scheunen und Haus wie nie zuvor.

Ein Jahr war seit dem Verschwinden Treuharts verflossen, da trat der Oberknecht vor die Bäuerin hin und meldete der nicht wenig Erstaunten, seine Zeit sei um, und er müsse zurück in seine Heimat; sie bedürfe seiner Hilfe ohnedies nicht mehr, denn der Herr des Hofes, ihr Gatte, sei bereits auf dem Heimwege begriffen. Dies sei ihm heute nacht von jemandem gemeldet worden.

Und so war es auch.

Gegen Abend kam Treuhart auf den Hof zugeschritten. Mit dem Ausrufe: »Er ist es!« stürzte ihm sein treues Weib entgegen und hing an seinem Halse.

Am andern Tage stand er frühzeitig auf, durchschritt mit spähendem Blick das ganze Haus, den Stall und ordnete alles an, wie er sonst es getan. Es war, als hätte er das Haus nicht einen Tag verlassen und wäre nicht mit seinen wilden Jagdgenossen hinausgezogen.

Niemals hat man indes von ihm erfahren, wo er jenes Jahr über gewesen. Das Gerücht aber erzählte: »Er war in der Lehre und Buße bei dem Untersberger.


Quelle: Freisauff, R. von, Salzburger Volkssagen, 2 Bde., Wien/Pest/Leipzig 1880, Bd. I, S. 53 ff.