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Die Rose vom Schellenstein

Eine sagenhaft gehaltene Überlieferung des Volkmundes weiß von einer vor langer Zeit vorgekommenen tragischen Begebenheit zu berichten: Der Burgherr der eine halbe Stunde von Weißkirchen entfernten Burg Dietach sollte mit der Tochter eines Pernsteiners, des Besitzers der Burg Schellenstein bei Micheldorf im Kremstale Hochzeit halten.

Die junge Braut wurde wegen ihrer Schönheit und ihres Liebreizes von den Leuten "Die Rose von Schellenstein" genannt. Sie war mit ihren Freundinnen in der Burg Dietach angekommen, denn am nächsten Tag sollte die Homzeit stattfinden. Es waren Ritter und Edelfräulein aus der Umgebung eingeladen worden. Man vertrieb sich die Zeit mit allerlei Spielen. Unter anderem auch mit dem so beliebten Versteckenspielen. Die Mädchen versteckten sich und die jungen Edelherren suchten sie. Das Spiel wurde mit Lust und Liebe betrieben. Die Braut hatte sich ein eigenartiges Versteck ausgesucht. Sie schlüpfte in eine große leere Truhe. Dabei fiel der schwere, mit Eisenbändern beschlagene Deckel zu und das Schloß schnappte ein. Sie brachte den Deckel nicht mehr auf. Ihre in der Angst ausgestoßenen Sdtreie und das Klopfen wurden nicht gehört, denn die Truhe stand zu entfernt, und so mußte sie in der Truhe ersticken.

Die Braut wurde zwar überall gesucht, aber nicht gefunden; an die Truhe hatte niemand gedacht. Erst nach vielen Jahren, als die Truhe einmal gebraucht und aufgesdtlossen wurde, fand man den Leichnam des Mädchens. Noch vor Jahren zeigte man in der Burg die Unglückstruhe.

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Eine zweite Sage von der "Rose von Schellenstein" wird anders erzählt und nimmt einen ganz anderen Ausgang. Wie diese Sage zu berichten weiß, hat die Hochzeit des Burgherrn von Dietach mit der "Rose von Schellenstein" stattgefunden; ihr Leben endet aber ebenso tragisch, wie in der vorhergehenden Sage.
Das schöne Edelfräulein hatte dem Burgherm nur gezwungen das Jawort gegeben, denn ihr Vater hatte das Mädchen zu dieser Heirat gezwungen. In der Brautnacht floh die Schellensteinerin, von ihrem Gemahl verfolgt, durch die weitläufigen Gänge der Burg. Als sie nicht mehr weiter konnte, lehnte sie sich an die Wand, versank aber vor den Augen ihres Gatten in einer Geheimtür, die sich hinter ihr so kunstvoll schloß, daß sie nicht mehr aufzufinden war.

Nach Jahr und Tag wurde in der Burg ein Umbau vorgenommen und dabei die Geheimtür entdeckt. Hinter ihr in einem Versteck wurde die tote Frau gefunden. Ein solch trauriges Ende nahm die schöne "Rose von Schellenstein".

Quelle: Franz Harrer, Sagen und Legenden von Steyr, mit freundlicher Genehmigung vom © Wilhelm Ennsthaler Verlag, Steyr 1980, S. 155
Emailzusedung von Norbert Steinwendner, am 11. April 2006