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Die Kapelle Maria Winkling

Eine und eine halbe Stunde flußabwärts von Steyr macht die Enns, der alte Grenzfluß, wie so oft auf seinem 203 km langen Lauf abermals eine große Schlinge; er windet sich im Bogen um ein Stück grünes Land der Niederterrasse und bildet so einen Winkel, in welchem das Dörfchen Winkling liegt. Dem Dörfchen würde man wohl kaum Beachtung schenken, wenn es nicht seine weit und breit bekannte und früher von Wallfahrern vielbesuchte große Wallfahrer-Kapelle hätte. Sie steht am Rande eines Abhanges, der früher wohl zwanzig Meter steil zum wild vorüberrauschenden Ennsfluß abfiel.

Von dieser Kapelle erzählt die Legende: Bei der großen Überschwemmung im Jahre 1736 kam eine aus Holz geschnitzte Marienstatue die Enns herabgeschwommen. Der Abt von Gleink, Andreas I., ließ sie, da der Eigentümer nicht gefunden wurde, auf einer Säule am Flusse zur Verehrung aufstellen. Bald kamen viele Leute und verehrten das schöne Bildnis. Von den Geldopfern wurde zuerst eine hölzerne, dann in den Jahren 1773 bis 1775 eine große steinerne Kapelle erbaut.

Auf einem barocken Altar steht mit ausgebreitetem Mantel in einem gläsernen Schrein das liebliche, über einen Meter große Bildnis der Maria Immakulata oder wie sie noch heißt: "Maria in der Glorie". Die Linke hält eine weiße Lilie, die Rechte ruht auf der Brust; eine schöne Krone ziert das Haupt. Die von einer Schlange umwundene Weltkugel liegt unter ihren Füßen; Engel umschweben die liebliche Gestalt. Der Ort wurde nun Maria Winkling genannt.

Als man die Kapelle erbaute, setzte man anstatt eines Kreuzes eine Blechtafel in der Form einer Bischofsmütze, darauf das Bild des Flößer- und Schifferheiligen Nikolaus gemalt war, auf den Knauf des Türmleins, und zwar so, daß der Bischof flußaufwärts sah und so von den Flößern schon von weitem gesehen werden konnte. Wenn diese ihres Heiligen ansichtig wurden, nahmen sie ihre Hüte ab und verrichteten ein kurzes Gebet um glückliche Fahrt. Hierauf mußten sie tüchtig rudern und aufmerksam steuern, um mit ihren Fahrzeugen von dem reißenden Schwall des Wassers nicht an die lang sich dahinziehenden, etwa fünfzig Meter aus dem Ennsfluß fast senkrecht aufsteigenden zerklüfteten Ufermauern aus Konglomeratgestein geschleudert zu werden.

Durch den Bau des Kraftwerkes im Jahre 1946, zwanzig Minuten unterhalb Maria Winkling, entstand durch den Stau des Wassers der ziemlich große sogenannte "Staninger See", auf dem sich stolze Schwäne und allerlei Wasservögel angesiedelt haben und dessen stille, vom Winde gekräuselte Wasserfläche Ruder- und Segelboote mit ihrem wasserfreudigen Völklein beleben.

Da auf dem Ennsfluß keine Flöße mehr fahren können, hat man im Jahre 1962 die Blechtafel mit dem Bilde des Hl. Nikolaus vom Türmlein genommen und ihm ein Kreuz aufgesetzt; denn es kommen immer noch Leute, wenn auch nicht mehr so viele wie früher zu "Maria in der Glorie" im Dörfchen Maria Winkling am "Staninger See".

Quelle: Franz Harrer, Sagen und Legenden von Steyr, mit freundlicher Genehmigung vom © Wilhelm Ennsthaler Verlag, Steyr 1980, S. 198
Emailzusedung von Norbert Steinwendner, am 11. April 2006