SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Österreich >> Oberösterreich >> Traunviertel >>Sagen und Legenden von Steyr, Franz Harrer

   
 

Die Gründung von Christkindl

Welche Wirkung für die Zukunft das eigenartige Tun eines Menschen haben kann, das lehrt uns die Lebensgeschichte eines Mannes, der Ferdinand Sertl hieß und vierunddreißig Jahre in Steyr gelebt hat. Er war im Jahre 1691 von Melk nach Steyr gekommen, wo er das Amt eines Chorregenten und Türmers versah. Sertl, ein gottesfürchtiger Mann, ging gern den einsamen Weg von Steyr hinaus in die noch einsamere Gegend, in der heute die Christkindlkirche steht, welche Gegend damals noch mit dichtem Wald bestanden war. In einem versteckten Winkel dieses Waldes hängte er an einen Fichtenbaum ein Bild, darstellend die Hl. Familie und verehrte es, hoffend, von seinem Übel, der Fallsucht, befreit zu werden. Da wurde ihm eine sonderbare Begebenheit mitgeteilt, die seine Verehrung in eine andere Richtung lenkte.

Es hatte sich bei den Nonnen der Zölestinerinnen "am Berg" zu Steyr, wie die Legende erzählt, ein wunderbares Ereignis zugetragen. Maria Elisabetha Parangin, Chorschwester, war neun Jahre an beiden Füßen lahm gewesen und mußte von zwei Schwestern in einem eigens dazu gemachten Sessel überallhin getragen werden.

Ein Herr von Rechling in Salzburg hatte mehrere wächserne kleine Christkindlein an seine Verwandte in das Nonnenkloster Göß bei Leoben geschickt; eines gab diese der ehrwürdigen Frau Regina, geborene Gräfin Sarau, die es dann einer Karmeliterin nach Graz schickte; diese wieder sandte es ihrer Verwandten nach Steyr, der vorhin genannten lahmen Maria Elisabetha Parangin. Am Pfingstdienstag, dem 25. Mai 1648, bat die lahme Nonne, wie schon so oft, das Kindlein inbrünstig in ihrer Not, und siehe da, plötzlich fühlte sie sich wunderbar gestärkt; zur höchsten Verwunderung aller konnte sie gehen und so blieb es auch ..

Als Sertl von diesem Wunder, das sich schon vor mehreren Jahren zugetragen, hörte, bat er die Nonnen um ein solches wächsernes Christkindlein, das er nach einiger Zeit auch bekam. Sertel ging hinaus in den Wald und schnitt in ziemlicher Höhe eines Fichtenbaumes eine Höhlung, stellte das Figürchen hinein, verehrte es und wurde, wie es heißt, von seiner Krankheit geheilt.

So versteckt das Kindlein im Baume des Waldes auch war, so fanden es doch Leute. Bald wurden es viele, die dort ihre Andacht verrichteten. Es erfolgten im Laufe der Zeit viele Heilungen, wie uns das von Pater Freudenpichl im Jahre 1712 herausgegebene Mirakelbuch kündet. Aus Dankbarkeit über die Genesung seines todkranken Kindes baute der Bauer Rahofer von St. Ulrich eine hölzerne Kapelle, die den Baum mit dem Kindlein einschloß. Aber bald war sie zu klein für die vielen Leute, die aus nah und fern herzukamen. Die Opfergaben mehrten sich; doppelt und dreifach wurden sie übereinander gehängt, so daß schon 400 silberne und über 1000 gewöhnliche Votivbilder in der Kapelle hingen. Auch viel Geld wurde geopfert.

Da nahm sich der Klosterabt von Garsten, Anselm I, der Sache an. Brieflich bat er das erzbischöfliche Ordinariat in Passau, um eine Bewilligung zum Bau einer größeren steinernen Kapelle. Doch dieses wollte von der Einführung eines neuen Kultes nichts wissen und gab dem Abt den strengen Befehl, das Figürchen in die Klosterkirche zu übertragen. Doch der Abt wagte es. nicht, den von der Christkindl-Verehrung erfaßten Leuten das Christkindl von der hölzernen Kapelle wegzunehmen; ja, er gründete eine Einsiedelei zur Bewachung der Gnadenstätte. Schließlich bewilligte die Kirchenbehörde doch den Bau einer Kapelle. Damit gab sich aber der Abt nun nicht mehr zufrieden, sondern beschloß den Bau einer Kirche.

Im Jahre 25 v. Chr. wurde in Rom das von Valerius geschaffene Pantheon Agrippas erbaut. Dieser runde Göttertempel aus der Heidenzeit, ein den vorzüglichsten Göttern geweihtes Heiligtum, wurde im Jahre 607 zur christlichen Kirche erkoren und geweiht. Man nannte sie nun Chiesa Santa della Rotunda. Giovanni Lorenzo Bernini, Baumeister und Bildhauer, baute im 17. Jahrhundert an die Kirche zwei Türme. Das Volk von Rom aber hatte damit keine Freude, sondern war wütend und nannte die zwei Türme die Eselsohren des Bernini.
Als der kunstsinnige Abt Ansehn anläßlich eines Papstbesuches in Rom weilte und diese Kirche sah, gefiel sie ihm so sehr, daß er, heimgekehrt, dem Baumeister Antonio Carlone den Auftrag erteilte, eine ähnliche Kirche an der Stelle der hölzernen Kapelle zu bauen. Und er begann allsogleich den Bau; als die Rundmauern standen, ereilte den Baumeister der Tod. Jakob Prandtauer vollendete den Bau.

Der Fichtenbaum mit dem Kindlein, weswegen ja die Kirche erbaut worden ist, wurde in den Bau eingeschlossen; er steht an seiner ursprünglichen Stelle. Ob er mit seinen Wurzeln noch im Erdreich steht, das weiß man nicht. Der Stamm ist bis zu einer Höhe von 120 cm eingemauert und oben, durch Eisenstreben mit dem Mauerwerk verbunden, gut gesichert. Die in die Wölbung der Kirche greifenden Äste mit grünem Reis und mit Fruchtzapfen sind ein künstliches Gebilde.

Am Stamm baut sich der Hochaltar, ein herrliches barockes, vergoldetes Schnitzwerk, hochragend, wolkenartig und kunstvoll, auf. Hoch droben auf goldenen Wolken, von einem Strahlennimbus umgeben, thront majestätisch Gott Vater, die Linke auf den Erdball gestützt, die Rechte segnend erhoben. Unterhalb ist die silberne Heiliggeisttaube mit ausgebreiteten Flügeln, von einem goldenen Strahlenschein umgeben, sichtbar. Viele Engel, liebliche kleine Kinder, beleben das ganze goldene Wolkengebilde. Die Höhlung im Baume, in der einst das Kindlein stand, ist leer. Oberhalb des weltkugelförmigen Tabernakels sieht man einen kleinen ovalen Schrein, mit einem Strahlenkranz umgeben, in dem jetzt das Christkindlein eingeschlossen ist.

Wenn damals der Chorregent, Türmermeister und Waldgänger Sertl das wächserne Christkindlein nicht in die Höhlung des Fichtenbaumes im Walde gestellt hätte, gäbe es heute keine wunderschöne Christkindlkirche und auf der ganzen Erde keinen Ort mit dem Namen Christkindl.

Quelle: Franz Harrer, Sagen und Legenden von Steyr, mit freundlicher Genehmigung vom © Wilhelm Ennsthaler Verlag, Steyr 1980, S. 128
Emailzusedung von Norbert Steinwendner, am 11. April 2006