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DAS LOSENSTEINER TURNIER

Am Dreifaltigkeitssonntag des Jahres 1521 hielt Ferdinand I., Infant von Spanien, mit Anna, Königin von Ungarn und Böhmen, in Linz große Hochzeit. Das für Österreichs Zukunft so entscheidende Fest war auch mit allerlei ritterlichen Waffenspielen verbunden. Dabei schmähte ein spanischer Grande die deutsche Ritterschaft, ja forderte sie schließlich durch ein am Rathaus angeschlagenes, beleidigendes „Cartell" zum Kampf auf Leben und Tod heraus. Sebastian von Losenstein nahm den Fehdehandschuh auf. Beide Streitteile verglichen sich über Tag, Stunde und Einzelheiten des Zweikampfes.

Am 25. Mai zog der Spanier mit großem Prunk und zahlreichem Gefolge durch das Donautor auf den Hauptplatz ein, wo der Kampf stattfinden sollte. Der Herr von Losenstein kam mit nur wenigen Beiständen aus der Klostergasse heraus. Vier Herolde mit rot-weiß gestrichenen Stäben schritten ihm voran. Beide Streiter tummelten zunächst ihre Rosse, setzten dann die Helme auf und stellten sich zum Kampfe. Vor den Turnierschranken war eine Bühne für die zusehenden hohen Herren wie ihre Damen aufgebaut. Die neugierige Volksmenge füllte den Platz bis auf das letzte Fleckchen.

Zuerst rannten die Gegner mit Spießen gegeneinander. Sie fehlten beide. Darauf griffen sie zum Schwerte. Der körperlich weit überlegene Spanier bedrängte den Oberösterreicher mit Stichen und Schlägen so hart, daß er sich anscheinend kaum mehr mit dem Schild decken konnte. Seine Beistände meinten schon, er sei verloren. Da riß der Losensteiner seinem Hengst den Maulkorb herunter, rief ihm ein Stichwort zu und ließ ihm die Zügel schießen. Sofort verbiß sich das Roß in die Nüstern des spanischen Pferdes und hielt es fest. Der Losensteiner, welcher bisher seine Kräfte klug geschont hatte, schwang nun mit Macht den Bihänder, hieb dem Spanier den Helm ab, verwundete ihn schwer und hätte ihn auch auf der Stelle getötet, wenn Ferdinand nicht rasch Frieden geboten und Sebastian von Losenstein als Sieger erklärt hätte. Umjubelt von der Menge zog der Sieger ab, nicht ohne erbittert laut zu bemerken, der König habe zu seinen Gunsten keineswegs eingegriffen, als der Kampf für ihn schlecht stand.


Quelle: Archiv für Geographie, Historie, Staats- und Kriegskunst. Wien, 1820, 151, 15. 12. S. 610.
Depiny Adalbert, Oberösterreichisches Sagenbuch. Linz, 1932., S. 395, Nr. 200
Proschko Franz Isidor, Ein merkwürdiges Turnier in Linz. Der Oberösterreicher, Kalender. Linz, 1856, S. 138.

aus: Hans Commenda, Sagen in und um Linz, in: Oberösterreichische Heimatblätter, Jahrgang 21, 1967, Heft 3/4, S. 27 - 74.