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DIE SAGE VOM DONAUWEIBCHEN

Aus den Fluthen der Donau erhebt sich zuweilen mit seltsamer Anmuth eine weibliche Gestalt. Sie zieht in den Wellen dahin, nur mit dem Oberleibe über den Wasserspiegel erhaben. Ihr goldblondes Haar ist gelöst und wellt reichlich um sie. Einen Kranz von grünem Schilf oder Gewinde von bunten Blumen des Ufers trägt sie auf dem Kopfe, zierlich durch die Haare geflochten. Auch um die Hüften ist ein Kranz von Schilf und Binsen geschlungen. Man will sie ebenfalls in reichen, flimmernden Kleidern gesehen haben. Sie erscheint den Schiffern und Fischern der Donau und warnt sie zuweilen gutmütig vor Wettern, Stürmen und vor dem Untergange; zuweilen sucht sie Rache zu nehmen und verlockt sowohl durch ihre zauberhaft schöne Gestalt, als auch durch ihren Gesang. Sie singt in der Stille der Nacht, daß man es weithin hört, und ihr Gesang tönt jederzeit so wunderbar, daß der Schiffer die Gefahren vergißt, sie sucht, auf sie horcht und durch Klippen oder in Wirbel und Strudel zugrunde geht. -

Das Donauweibchen ist bald wohlthätig, bald böse, wie die Wellen des Wassers selbst es sind. Sie soll zuweilen aus der Donau hervorgehen, zu den einsamen Hütten oder zu den Dorfbewohnern kommen, dort in die Fenster lauschen und sich ergötzen an dem traulichen Familienleben der Menschen, namentlich an den Säuglingen in der Wiege und an den Kindern, die sie sehr liebt.

Spielende Kinder am Ufer verlockt sie zuweilen durch glitzernde Fischlein oder gold- und silberschimmerndes Spielzeug in den Fluten, zieht sie hinein und läßt sie nimmer von dannen. Sie verdingt sich aus als Magd, kann nicht bleiben, wenn fromme Worte und Gebete ertönen, nimmer, wenn über ihre Herkunft Verdacht entsteht, und entschwindet dann weinend. Sie hat schon Gaben gereicht, welche den Empfängern zu gering schienen, wie da sind: Kieselsteine, Schilf, kleine Fischchen, und daher verachtet und verworfen wurden. Nur ein kluger Mann nahm die Geringfügigkeiten in der Nacht, bewahrte sie wohl, und am nächsten Morgen zeigten sie sich von purem Golde, was ihn reich und glücklich machte; denn sie hat viel Gold und Schätze, da im Donausande sich ja an manchen Stellen Gold findet.

Sie erscheint auch beim Tanze der Dorfleute, namentlich im Freien und im Mondenscheine, gesellt sich zu den Tänzern, betört manchen und verschwindet wieder, sobald ihre feuchten Haare zu tropfen beginnen. Sie ist so lieblich, daß sie, wie manchem Burschen, auch den Kreuzfahrern, welche auf der Donau hinab ins Morgenland fuhren, zum Verderben wurde.

Einmal tauchte sie empor, lächelte, sang und lockte, und ein Rittersmann, welcher ihr geneigt wurde, nahm einen blitzenden, goldenen Ring, den sie ihm anbot, zum Geschenke. Der Rittersmann hatte fortan keine Ruhe; Sehnsucht und Schwermut bemächtigten sich seiner; er zog mit einem Schifflein auf den Fluten umher und starrte immer in die Tiefe. Dort hinunter ist er verschwunden und wurde nimmer gesehen - denn der Unglückliche hatte sich ja verlobt mit dem Donauweibchen.


Quelle: Oberösterreichische Volkssagen. Gesammelt von Kajetan Alois Gloning. Ried 1884. S. 37