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DER KLOSTERBRUDER ZU GREIN

Kaiser Maximilian II. fuhr auf einem Schiffe die Donau hinab. Er hatte sich in seine Kajüte zurückgezogen, und nachdem er sein Abendgebet verrichtet, las er die Bittschriften derer, die von des Kaisers Majestät Gnade und Hilfe erflehten.

Endlich zeigte sich das am hohen Felsen bei Grein stehende Kreuz. Furchtsam hefteten die Schiffer ihre Blicke auf dasselbe, und ein leiser Ruf des Entsetzens drang aus ihrem Munde. Sie sahen neben dem Kreuze den grauen Mönch, der sich immer zeigte, wenn Gefahr zu fürchten war. Das Gespenst winkte den Erschrokkenen wiederholt mit der Hand. Der Schiffsführer, den nahen Strudel fürchtend, beschloß, den Kaiser zu bitten, an's Land fahren zu dürfen, umsomehr, als die Schloßhalle des nahen Grein dem Kaiser zur Nachtruhe dienen könne.

Nach eindringlicher Bitte stieg der Kaiser ans Land. Großer jubel herrschte im Schlosse, wo eben große Gesellschaft edler Ritter und schöner Frauen versammelt war, über die Ehre, den vielgeliebten Landesvater beherbergen zu dürfen. Der Schloßherr bewirtete den hohen Gast aufs beste, und die Becher kreisten in der heiteren Tafelrunde. Schon schlug die elfte Stunde, und des Vergnügens schien kein Ende.

Da flog die Thüre auf, und von niemand als dem Kaiser gesehen wankte der graue Mönch in den Saal. Der Mönch hob seine Rechte hoch empor, in der Linken hielt er ein Kreuz, schwarz und weiß, und auf dem Haupte trug er einen Todtenkranz. Ein graues Kleid deckte seinen Körper, und seine gelben Sandalen knisterten geisterhaft auf der Diele des Saales. Die hohlen Augen hefteten sich auf Maximilian.

Der Mönch winkte dem Kaiser, als solle er ihm folgen. Ein kalter Schauer überlief Maximilian, und noch war er unschlüssig, dem Mönche Folge zu leisten. Aber eine dunkle Ahnung hieß den Kaiser, dem Mönche näher zu kommen. Der Mönch führte ihn zur Thüre hinaus und schlug dieselbe so heftig zu, daß das ganze Gebäude zitterte.

Kaum war der Kaiser aus der Halle getreten, so hörte er ein Getöse und Jammergeächze, und in diesem Augenblicke war der Mönch verschwunden.

Der Saal war eingestürzt, und die meisten der Anwesenden lagen unter Schutt und Trümmer begraben.


Quelle: Oberösterreichische Volkssagen. Gesammelt von Kajetan Alois Gloning. Ried 1884. S. 39