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DIE VERGESSENE BURGKAPELLE ZU SCHARFENECK BEI BADEN

Ein armer deutscher Rittersmann, der außer seiner guten Klinge fast nichts sein eigen nannte, sank einst, nachdem er seinen müden Klepper in wilder Verzweiflung schier zugrunde geritten, in düsterem Walde, gebrochen an Leib und Seele, zur Erde und verdammte sein Geschick, das ihn so grausam verfolgte.

Des ewigen Pechs müde, wünschte er sich nun, nachdem er bereits jede Hoffnung auf Änderung seiner Verhältnisse aufgegeben hatte, daß sich doch wenigstens der Höllische seiner annehmen möchte und kaum war sein Wunsch in der stillen Nacht verklungen, als der leibhafte Satan vor ihm stand.

Der Ritter, der nichts Böseres mehr erleben konnte, als er nun schon durchgemacht hatte, verlangte ohne Zaudern von dem Höllenfürsten "eine Burg mit allem und jedem, was einem echten deutschen Rittersmanne zukomme", welchen Wunsch ihm derselbe sofort, doch nur unter einer Bedingung gewährte.

Jahre vergingen. Der Ritter hauste auf seiner hohen und luftigen Burg und hätte recht glücklich sein können, wenn nicht eines, des Teufels Bedingung, ihm stets hinderlich gewesen wäre.

Die Maid des nahen Schlosses Rauhenstein ging ihm nicht aus dem Sinn, ihr Besitz schien dem Ritter das größte Glück auf dieser Erde, das Burgfräulein selbst war ihm gewogen - er brauchte nur bei seinen Eltern freien und es wäre sein als sein Ehegemahl, seine Herrin und seine Göttin - und dennoch konnte und durfte er ob seiner Seligkeit nie und nimmer diesen Schritt wagen.

Als nun sein Wunsch nach dem Besitze der Geliebten immer reger wurde und deren Bild und Gestalt ihn bei Tag und bei Nacht umschwebte, so daß er keine Ruh und Rast mehr fand, kam er plötzlich zu einem Entschlüsse, er warf sich auf sein Pferd und jagte durch die wilden Forste zu einem im Walde hausenden, weit und breit verehrten Einsiedler.

Diesem klagte der Ritter nun sein Leid und seine große Schuld, daß er sich einst dem Höllischen überliefert und daß er nun nie und nimmer um die Herzensliebste freien dürfe, da er sonst der Hölle verfallen wäre.

Der fromme Einsiedler, gerührt von dem Schmerze des Ritters, versprach ihm zu helfen und wies denselben an, wie er sich nun zu verhalten habe, und bald jagte der Ritter nach vielen Dankesworten freudig dem Schlosse seines Liebchens zu, denn der Einsiedler hatte ein Mittel gefunden, um ihn aus dem Machtkreise des Bösen zu bringen.

Acht Tage später ging es auf der Burg Scharfeneck gar lustig her, Gäste von weit und breit saßen an der Tafel und tranken auf das Wohl der holdseligen Braut des Burgherrn, der seine Verlobung feierte. Als nun der Einsiedler, der auch zu dem frohen Feste geladen war, sein Glas erhob und dem hübschen Brautpaare zutrank, flog krachend die Türe des Gemaches auf und ein den Anwesenden gänzlich unbekannter Ritter in schwarzer Rüstung begehrte höhnisch lächelnd Einlaß, indem er zugleich rasch auf den bestürzten Burgherrn zutrat und ihm drohend zurief, "daß er gekommen, um sich das Kaufgeld für die Burg zu holen".

Erschrocken erhob sich die zechende Menge, nur der fromme Einsiedler schritt furchtlos auf den Fremden los und fragte ihn, "ob er der Bauherr und der Verkäufer der Burg?" Als der schwarze Ritter dies bejahte, da frug der Einsiedler denselben, "ob er denn auch die Burg mit allem und jedem, was einem echten deutschen Rittersmanne zukäme, erbaut und übergeben habe".

Als der Schwarze dies wieder höhnisch bejahte, da sprach der Einsiedler: "Nun gut, wenn sich Deine Worte bewahrheiten, so sollst Du das bedungene Kaufgeld bekommen", zu welchem Ausspruche der fremde Ritter zustimmte.

Der Einsiedler fragte nun weiters: "Hast Du in Erfüllung Deines Versprechens Küche und Keller, Grund und Dach, Saal und Stall, Fenster und Türen übergeben ?"

"Alles mit allem und jedem, wie es einem echten deutschen Rittersmanne zukommt", erwiederte triumphierend der Fremde.

"Nun so führe uns auch, da wir hier ein Brautpaar haben, in die Kapelle", entgegnete rasch der Einsiedler, bei welchen Worten der Schwarze erbebte und mit einem Fluche in den Boden versank.

Der gerettete Ritter aber fiel aus Freude zu den Füßen des frommen Einsiedlers nieder und gelobte, diese Tat nie zu vergessen.


Quelle: Carl Calliano, Niederösterreichischer Sagenschatz, Wien 1924, Band I, S. 11