SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Österreich >> Niederösterreich >> Wienerwald

   
 

Das Räubermädchen von Baden

Historische Einleitung:

Die Zeiten während der Minderjährigkeit des österreichischen Herzogs Albrecht V., der später unter dem Namen Albrecht II. deutscher Kaiser wurde, waren für Österreich sehr unruhevoll und drückend. Der Vater dieses Albrechts, Herzog Albrecht IV., beigenannt der Geduldige, war nämlich an einem ihm beigebrachten Gifte im Jahre 1404 zu Neuburg gestorben, da sein, einziger Sohn erst sieben Jahre zählte. Nun wollten alle seine vier Oheime, Wilhelm der Ehrgeizige, Leopold IV., beigenannt der Dicke, Ernst der Eiserne und Friedrich, beigenannt mit der leeren Tasche, die Obervormundschaft über den minderjährigen Albrecht zugleich führen. Zwar starb Wilhelm der Ehrgeizige schon im Jahre 1406, und Friedrich mit der leeren Tasche wurde auf dem Kostnitzer Konzilium wegen der bewerkstelligten Flucht des Papstes Johann in so ernstliche und gefährliche Händel mit dem Kaiser Siegmund verwickelt, dass er alle Hände voll zu tun hatte, um nur wenigstens Tirol, dem Hause Habsburg zu erhalten, weshalb er auch die Vormundschaftsgedanken bald aufgab. Nicht aber so war es mit den beiden anderen Oheimen, nämlich mit Leopold dem Dicken,  Herzoge  der sogenannten Vorlande (worunter man die habsburgischen Besitzungen im Elsaß, Schwaben und in der Schweiz begriff), und mit Ernst dem Eisernen, Herzoge von Steiermark und Kärnten. Jeder von ihnen wollte die Vormundschaft allein führen und schon jetzt entstanden dieserwegen unter den beiden herzoglichen Brüdern große Streitigkeiten, welche endlich durch die Landstände dahin vermittelt wurden, dass beide abwechselnd den jungen Herzog beraten sollten, damit die Ruhe im Lande nicht gestört werde. Sofort leisteten die Stände am 10. August 1406 dem jungen Herzoge die Huldigung und die beiden Brüder versöhnten sich, worauf Herzog Ernst nach Steiermark zurückkehrte, um einige Angelegenheiten an diesem Herzogtume zu ordnen.

Allein schon im folgenden Jahre brachen wegen dieser Vormundschaft in Österreich und besonders in Wien schreckliche Unruhen aus. Hier war man nämlich mit dem Regierungsverfahren des Herzogs Leopold nicht zufrieden, und viele von den Prälaten und dem Adel sowie auch von den Städten beklagten sich, dass er von den Untertanen zu viel Abgaben erpresse, dass er vorzüglich mit den Wienern hart verfahre, den Geistlichen das ihrige entreiße und mehr ein willkürlicher Herr als Vormünder sei. Man wollte also den Herzog Ernst zum alleinigen Vormunde haben, der, sobald er die Gesinnungen der Österreicher erfahren hatte, ohne Aufenthalt von Graz nach Wien eilte und mit Friedrich von Waldsee die Vormundschaft des jungen Albrechts über sich nahm, Natürlich erbitterte dieser Schritt seinen Bruder Leopold so sehr, dass er sich nach Wiener-Neustadt begab, daselbst Truppen anwarb und seinem Bruder sowie auch allen denjenigen, die ihm anhingen, den Krieg ankündigte. Zugleich begab sich auch der Bischof von Freisingen, welcher Leopolds Partei ergriffen hatte, von Wien nach Enzersdorf, gewann hier viele vom Landadel und führte sie dem Herzoge nach Wiener-Neustadt zu. In Vereinigung mit diesen fiel nun im Dezember 1407 Herzog Leopold unvermutet über die Städte und Güter derjenigen her, die es mit Ernst hielten, verwüstete dieselben und machte reiche Beute, und wenn nicht ein außerordentlich strenger Winter und der tiefgefallene Schnee seinen Raubzügen einen Damm entgegengesetzt hätte, so wäre halb Österreich durch ihn und seine Anhänger geplündert worden. Selbst die Stadt Wien war in zwei Parteien geteilt, worunter das gemeine Volk und die Handwerker es mit Leopold, die angesehenen Bürger und Obrigkeiten aber es mit Ernst hielten. Daher wurde auch diese Stadt ein wilder Tummelplatz der Leidenschaften. Der Mutwille und die Raubsucht des Volkes nahmen so sehr Überhand, dass der Rat sich genötigt fand, am 5. Jänner 1408 einige der rasendsten aus dem Handwerksstande öffentlich enthaupten zu lassen.

Um diesen Unordnungen ein Ende zu machen, dachten die Häupter der Parteien auf eine Aussöhnung, und die Landstände und Abgeordneten der Städte kamen in Klosterneuburg zusammen, wo sich die meisten Stimmen wieder für den Herzog Leopold erklärten. Nun verließ Herzog Ernst voll Unwillen die Stadt und das Land und Leopold zog wie im Triumphe in Wien ein.

Jetzt schien es,  als wollte die ersehnte Ruhe in diese Stadt wieder zurückkehren; allein der schreckliche Tod des Friedrich von Waldsee, dieses seinem rechtmäßigen Herzoge Albrecht so treu ergebenen Ministers, der durch ein in seinem Zimmer entzündetes Schießpulver in seinem Bette dergestalt verbrannt wurde, dass er am dritten Tage darauf  unter  großen   Schmerzen  seinen Geist aufgeben musste, gab das Signal zum Wiederausbruche der kaum gestillten Unruhen. Einstimmig legte man den Mord dieses allgeliebten Mannes dem Herzoge Leopold zur  Last, da dieser eine so feste  Stütze des künftigen   Regenten   um   jeden   Preis   von   demselben entfernt wissen wollte. Als nun Ernst von dem Tode dieses Getreuen Nachricht  erhielt,  eilte er neuerdings nach Wien zurück, wo ihn die Vornehmen dieser Stadt mit offenen Armen aufnahmen. Remprecht oder Rempert von Waldsee, der Bruder des ermordeten Friedrichs von Waldsee, trug ihm vorzüglich seine Dienste an, und schon schien  das Feuer  des  Mißvergnügens  und des Parteienkampfes wieder aufs neue auszubrechen, als, um diesem  Übel  vorzubeugen,   eine   Zusammenkunft  der Stände und Städte am Palmsonntag nach St. Pölten vorgeschlagen wurde, die aber leider fruchtlos blieb. Nachdem die Abgeordneten der Stadt Wien auf ihrer Rückreise bei Purkersdorf angekommen waren, wurden sie von einem starken Hinterhalte, den ihnen der Herzog Leopold daselbst gelegt hatte, angefallen und nach einer tapferen Gegenwehr gefangengenommen. Unter ihnen  befand sich der Bürgermeister von Wien, namens Konrad Vorlauf, ein braver und tapferer Mann, dann seine Räte Johann Rock, Niklas Unterhimmel und Niklas Flußhart, der im Handgemenge aber getötet wurde. Man führte sie als Gefangene zuerst nach dem Schlosse Kagel, dann nach Greizenstein und endlich nach Turberg, von wo sie nicht eher entlassen wurden, bis sie 2000 Gulden zum Lösegelde versprochen hatten. Als dieses geschehen war, kamen sie am 20. Juni nach Wien und traten ihr voriges Geschäft wieder an. Allein bald nach ihnen erschien auch hier der Herzog Leopold mit dem Bischofe von Freisingen, und dieser verlangte, dass man ein Stück von der Stadtmauer niederreiße und die Ketten, welche in den Gassen der Stadt gezogen waren, um dadurch die häufigen Aufläufe zu verhindern, wieder abnehme, welche sonderbare Zumutung jedoch von Seite des Rates nicht befolgt wurde. Über diese Verweigerung ließ nun Herzog Leopold seiner schon lange verhaltenen Rache freien Lauf und befahl am 7. Juli, den Bürgermeister Vorlauf nebst noch sechs andern der vornehmsten Ratsherren in das Gefängnis abzuführen, um ihnen als Widerspenstige den Prozess zu machen. Dieser Prozess dauerte wirklich nur vier Tage, worauf dann der Bürgermeister samt seinen getreuen Räten auf Befehl des Herzogs am öffentlichen Marktplatze enthauptet wurde.

Dieses strenge und ungerechte Verfahren Leopolds gegen einen seinem eigentlichen Landesherrn treu ergebenen Bürger gab nun seiner Sache eine sehr üble Wendung; denn von diesem Augenblicke an verlor er die Zuneigung der Bewohner dieser Stadt und auch der Landstände, ja selbst der Kaiser Siegmund wurde über ihn aufgebracht. Herzog Ernst in Verbindung mit Rembert von Waldsee und dem von Rosenberg warfen ihm öffentlich den Fehdehandschuh vor. Der nun von seinen meisten Anhängern verlassene Leopold flüchtete aus Wien, ging nach Mähren, wo er sich mit vielen Räuberhorden, die er kurz zuvor selbst bekriegt hatte, verband, und marschierte damit geraden Weges gegen Wien vor. Um aber diesen Verheerungen und dem dadurch herbeigeführten Elende ein Ende zu machen, vereinigte sich jetzt der kluge und friedliebende Georg von Liechtenstein mit dem Bischofe von Trient, und diese brachten es durch ihre Bemühungen so weit, dass man zwölf der angesehensten Landstände erwählte, welchen die Entscheidung in dieser Streitsache übertragen wurde und deren Ausspruch auch die beiden Herzoge, sich zu unterwerfen, versprachen. Ihre Entscheidung fiel aber zuletzt dahin, dass der Bischof von Freisingen, der Urheber dieser vielfältigen Unruhen, die Stadt Wien und ganz Österreich meiden, die beiden Herzoge aber einander völlige Versöhnung und Einigkeit für die Zukunft versprechen mussten. Die Brüder gelobten dieses, und so kehrten Ernst und Leopold mit dem jungen Albrecht im Jahre 1409 wieder nach Wien zurück, wo ihnen die Stände neuerdings den Eid der Treue schwuren.

Als im Jahre 1410 die Pest in Wien ausbrach und immer wütender um sich griff, fand man es für notwendig, den jungen Herzog aus der Stadt zu entfernen, wo er nun auf das Schloss Starhemberg gebracht wurde. Diese Gelegenheit benützte jetzt der diesem Fürsten ebenfalls wie sein Bruder mit besonderer Treue ergebene Rempert von Waldsee, indem er mit einem starken Haufen Reisige dieses Schloss plötzlich überrumpelte und den Herzog, der ihm willig folgte, nach Eggenburg brachte. Von hier ließ er ein Aufbotschreiben an alle österreichischen Stände ergehen, in welchem er sie ermahnte, dass sie die beständig unter sich uneinigen Vormünder von der Regierung entfernen und dieselbe dem Albrecht, der bereits erwachsen und mit großen Geistesfähigkeiten begabt sei, als rechtmäßigem Herrn übergeben sollten. Sogleich eilten die Stände nach Eggenburg, huldigten ihrem Herzoge, und da gerade die Nachricht anlangte, dass Herzog Leopold infolge eines Blutschlages plötzlich gestorben sei, so führten sie den 14jährigen, blühenden und schön gestalteten Albrecht frohlockend nach Wien, wo er am 6. Juni 1411 unter einem unbeschreiblichen und herzlichen Jubel aller Bewohner seinen feierlichen Einzug hielt. Da ihm von den Landständen sogleich der edle Rempert von Waldsee und der von Buchheim als erste Minister beigegeben und außer ihnen die übrigen Ratsstellen ebenfalls durch würdige Männer besetzt wurden, so sah nun auch Herzog Ernst ein, dass es mit seiner Vormundschaft ein Ende habe, und zog in sein Herzogtum zurück, wodurch die Ruhe in Österreich wieder hergestellt ward.

Es ist wohl nicht zu wundern, dass in jenen Tagen des Vormundschaftszwistes und des dadurch entzündeten Bruder- und Bürgerkrieges die Räuberbanden in Österreich auf eine wahrhaft schreckenvolle Weise Überhand nahmen. Viel herrenloses Gesindel  sowie entlaufene Reisige gesellten sich zusammen und durchzogen plündernd und mordend jeden Winkel des Landes. Es war ohne einer stark bewaffneten Bedeckung nicht mehr ratsam, die Landstraßen auch nur wenige Stunden außerhalb den Ringmauern der Stadt Wien zu bereisen, ohne in Gefahr zu kommen, von den allenthalben auflauernden Unholden angefallen und seiner Habe oder gar seines Lebens beraubt zu werden. Einer der gefährlichsten Orte war aber die verrufene Teufelsmühle am Wienerberge. Rempert von Waldsee, der in Verbindung mit mehreren Edlen des Landes, um den Tod seines Bruders zu rächen, dem herrschsüchtigen Herzoge Leopold offene Fehde angeboten hatte, wollte diese mit der Zerstörung dieses Raubnestes beginnen, weil solches, wie man sagte, von Leopold heimlich begünstigt wurde. Zugleich hatte er auch den Plan, in Verbindung mit Leopold von Eckartsau den jungen Herzog Albrecht, den man, um ihn von der Ansteckung der Pest zu schützen, nach Starhemberg gebracht hatte, daselbst zu befreien, was ihm auch, wie schon erwähnt wurde, vollkommen gelang.


Während nun Rempert von Waldsee in der Nähe von Wiener-Neustadt auf der Lauer lag, ließ Leopold von Eckartsau, vom Dunkel der Nacht begünstigt, die Mühle umringen, und drang an der Spitze mehrerer Bewaffneten in das innere der Gemächer, wovon er eines verschlossen fand. Nachdem er solches zu Öffnen befohlen hatte, allein von Innen keine Antwort erhielt, so ließ er die Tür erbrechen, wo er nun zu seiner nicht geringen Verwunderung in einem Winkel des Zimmers mehrere Pilger zusammengedrängt fand. Als aber der vorderste den Hut und das Stirntuch hinwegzog, zeigte sich, dass eine blühende Jungfrau vor dem erstaunten Ritter und seinen nicht weniger überraschten Begleitern stand. Noch mehr stieg jetzt dieses allseitige Erstaunen, als auch die übrigen Pilger gleichfalls nur Mädchen waren, die nun ihn um seinen Schutz wider die Räuber der Umgegend anflehten. Sie gaben vor, dass sie wegen Abwendung des Pestübels in dieser Tracht eine Wallfahrt zu unternehmen beschlossen und aus Furcht vor dem herumstreifenden Raubgesindel sich in dieses Gemach eingeschlossen hätten, um hier zu übernachten. Auf diese Äußerung gewährte ihnen der Ritter ihre Bitte und ließ einen Teil seiner Mannschaft als Schutzwache mit dem Befehle zurück, die Mühle nach dem Abzug der Pilgerinnen in Brand zu stecken, worauf er mit dem Reste seiner Leute in eine andere Gegend zog.

Während nun der Ritter hinweggezogen war, verhielten sich die frommen Pilgerinnen ganz ruhig und bewirteten die zu ihrem Schutze zurückgebliebene Wache mit köstlichem Weine und kalten Speisen. Aber bald bemächtigte sich der Reisigen ein unwiderstehlicher Schlaf, und als sie des Morgens erwachten, fanden sie weder die Pilgermädchen noch ihre eigenen Waffen. Sie hielten jetzt das ganze Ereignis für einen Geisterspuck, steckten die Mühle in Brand und eilten nach Wiener-Neustadt, wo sie durch die Erzählung des Vorgefallenen eine allgemeine Verwunderung erregten.

An demselben Tage hatten Rempert von Waldsee und Leopold von Eckartsau beschlossen, dem Herzoge Leopold einen Streich zu spielen. Sie hatten nämlich durch einen ausgeschickten Kundschafter erfahren, dass der Herzog in Begleitung des Bischofs Berthold einen Ritt in das Gebirge machen werde, um ein der Partei des Herzogs Ernst anhängiges Ritterschloss zu überwältigen. Sie versammelten daher in der Eile ihre Reisigen und zogen dem Gebirge zu, wo sie sich in einen Hinterhalt legten und so den Herzog überraschen wollten. Während sie aber dahin ritten und über die Möglichkeit eines günstigen Erfolges sich besprachen, erblickten sie zu ihrer nicht geringen Verwunderung abermals die schöne Pilgerin, welche den Leopold von Eckartsau um Schutz in der Teufelsmühle angesprochen hatte und hinter ihr eine Schar zahlreicher Begleiterinnen. Die Pilgerin ging jetzt ganz unerschrocken auf den Ritter zu, und indem sie ihm schelmisch zulächelte, dankte sie ihm für den genossenen Schutz mit zierlichen Worten. Eckartsau, der bereits in Kenntnis gesetzt war, dass er in jener verrufenen Mühle, wie einst sein Freund Rembert, von dem Räubermädchen von Baden — denn dieses war die Pilgerin — überlistet worden sei, weil das den Reisigen dargebotene Getränke einen Schlaftrunk enthielt, versetzte dem Mädchen errötend: „Dass Du die Rolle so zu Ende spieltest, verdankst Du Deinen schönen Augen und meiner Leichtgläubigkeit.“

„Nicht im geringsten“ — antwortete das Mädchen — „denn zur Flucht standen uns mehrere Ausgänge offen, und dass ich und meine Gefährtinnen die Rolle frommer Pilgerinnen spielten, dankt Ihr, Herr Ritter, nicht sowohl Euerem Mute als Euerer erprobten Rechtlichkeit. Selbst wenn Ihr den Spuck entdeckt und uns gefesselt hättet, so würde es Euch wenig genützt haben, da auf den Druck eines Fußes der Boden mit uns untergesunken wäre und die dort harrenden Befreier Wiedervergeltung zu üben Gelegenheit gehabt hätten. Doch nach meinem Befehle durfte Eurer vorhabenden Reise kein Hindernis in den Weg gelegt werden, nachdem des Blutes ohnehin schon zu viel geflossen ist. Wisset, ich bin das Räubermädchen von Baden, dem man schon so oft, jedoch stets fruchtlos nachspürte und das so viele Euerer wohldurchdachten Anschläge vereitelte. Da man mir den Vater, die Mutter, alle meine Brüder und Verwandten durch den Bruderkrieg entriss, so schwur ich den Verderbern des Landes gleichfalls Verderben; aber nur Schurken und Bösewichter traf meine Rache und manches Böse wurde durch mich und meinen schönen, aber gefährlichen Anhang hintertrieben. Jetzt aber, da Ihr, Herr Ritter, und Euer edler Freund die Rache an meiner statt übernommen habet, lege ich mein in den Augen der Welt schändliches Gewerbe nieder und will samt den Meinen hier meine Tage in einem Kloster beschließen."

„Das spricht Gott aus Dir“ — riefen die beiden Ritter Eckartsau und Waldsee, und letzterer erkannte in dem Heldenmädchen plötzlich die Tochter seines ermordeten Bruders Friedrich. Er sprang vom Pferde, umarmte die Pilgerin und rief: „Nicht im Kloster, nein, an der Seite meines wackeren Freundes und Waffenbruders, meines geliebten Eckartsau sollst Du als rechtliche und würdige  Gemahlin  froh  durch  das Leben ziehen und an seiner Seite die Leiden und Unbilden vergessen lernen, welche eine grausame Hand über meinen edlen unglücklichen Bruder und über sein ganzes Haus gebracht hat.“

Während dieser schönen Erkennungsszene wurde in der Ferne Pferdegetrappel hörbar und ein auf Kundschaft vorausgeschickter Knappe brachte die Nachricht von der Ankunft des Herzogs. Sogleich ließ Waldsee seine Reisigen vorsprengen und bald entspann sich zwischen ihnen und den Söldnern des Herzogs ein kurzes aber blutiges Gefecht, in welchem der Herzog zur eiligen Flucht nach Wien genötigt wurde, während Waldsee mit seinem Freunde nach Starhemberg ritt, dieses Schloss im ersten Anfalle überstieg und wie bekannt, den ihm ergebenen Prinzen Albrecht aus seinem Gefängnisse befreite. Hier geschah auch die Vermählung Mechtildens von Waldsee — so hieß das ehemalige Räubermädchen — mit Leopold von Eckartsau und beide halfen beim Einzuge des Herzogs in Wien seinen Triumphzug verherrlichen. Als der junge Herzog vor den Toren Wiens als Retter des Vaterlandes erschien, wehte auf allen Türmen dieser Stadt die Friedensfahne, die Glocken ertönten unablässig, der Volksjubel steigerte sich von Minute zu Minute, die Geistlichkeit mit den Heiligtümern, die Ritter auf ihren prächtig geschmückten Pferden und der Rat von Wien mit den Schlüsseln der Stadt sowie die Universität bewillkommten den sehnsuchtsvoll erwarteten wunderschönen Fürsten als ihren Herzog und geleiteten ihn ehrfurchtsvoll in den Stephansdom, wo die Dankesfeier stattfand.

Quelle: Carl Calliano, Niederösterreichischer Sagenschatz, Wien 1924, Band III, S. 33 -44