DIE VERSUNKENE STADT

Rund um Schrattenthal lebte einst ein fleißiges und fröhliches Volk. Den Menschen ging es gut, sie litten keinen Mangel und daher war es ihnen ein leichtes, am Fuße des Kalvarienberges eine schöne Stadt mit einem prächtigen Schloss zu erbauen.

Doch wie es oft ist, wenn es einem zu gut geht, kommt bald der Übermut. So war es auch damals. Die Leute vergaßen, am Sonntag in die Kirche zu gehen, sie vernachlässigten ihre Familien und gaben sich immer mehr dem Spiel und Trinkgelagen hin.

Eines Tages aber kam die Strafe Gottes; ein fürchterliches Unwetter zog auf und gewaltige Wassermassen ergossen sich über den Ort. Die Keller füllten sich mit Wasser und die ganze Stadt ertrank samt ihren sündigen Bewohnern in den ungeheuren himmlischen Fluten.

Nachdem die Wolken abgezogen waren, verlor sich das Wasser in den Talniederungen, wo ein breiter und tiefer Sumpf entstand. Die ehemalige Stadt blieb für immer verschwunden. Im Sumpf siedelten sich alsbald allerhand Sumpf- und Wassergeister an, die ihr Unwesen trieben. Besonders nach Sonnenuntergang zeigten sie sich als trübe Lichtgestalten und lockten so manchen ortsunkundigen Wanderer in den Sumpf.

Später entstanden dann an dieser Stelle die Stadt Schrattenthal und der Ort Pillersdorf. Die gottlosen Bewohner sollen aber noch heute in unterirdischen Gängen und Kellern unter dem Kalvarienberg hausen.

Quelle: Das Weinviertel in seinen Sagen, Thomas Hofmann, Weitra 2000, S. 52