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DER TOD IM WEINFASS

Die Gegend von Matzen am Rande des Marchfeldes ist seit langem berühmt für ihren guten Wein. Dort gab es einmal auch einen Weinbauern, der besonders vermögend war. Mit rund 300 Fässern im Keller war er einer der reichsten im Ortes. Überdies besaß er bis an den Rand gefüllte Scheunen und hatte somit keine Überlebenssorgen.

Kellergasse
Eine der schönsten Kellergassen in Niederösterreich, Weinviertel
© Berit Mrugalska, 13. Juli 2006

Es ging dem reichen Bauern so gut, dass er keinen Gedanken an den Tod oder das Sterben verschwendete. Statt dessen ging er gerne in seinen Keller und erfreute sich seines Reichtums. Eines Tages, als er wieder einmal dort saß, kam ein großer, hagerer Fremder bei der Tür herein. Wie er diesem, so wie es im Weinviertel üblich ist, ein Gläschen Wein angeboten hatte, klopfte ihm der Fremde auf die Schulter und meinte wohlwollend: "Ich glaube, ich weiß, was du willst, und ich kann dir auch helfen." Zunächst war der Bauer, der Hoisl hieß, verwirrt und erstaunt, doch bald verstanden sich beide ganz gut und wurden einig: Der Bauer sollte den Fremden von jedem Fass in seinem Keller kosten lassen. Als Lohn dafür würde er dann ewiges Leben erlangen. Mit Handschlag besiegelten sie ihren Pakt.

Sogleich beugte sich der hagere Fremde über das erste Fass und trank gleich mit dem Mund aus dem Spund. Mit vollen Zügen sog er den Wein in sich auf. So geschah es auch beim zweiten Fass, beim dritten und auch beim vierten. Als der Bauer an die Fässer klopfte, merkte er, dass sie alle hohl klangen. Das hieß, der Fremde hatte sie alle zur Gänze ausgetrunken. Da wurde dem Hoisl aber Angst um seinen Wein und er beschloss, dem eifrigen Trinker von seinem süffigsten Wein zu geben. Auch hier beugte sich der Durstige über das Fass und trank in vollen Zügen. Er hatte aber die Wirkung des guten Weines überschätzt und sank nach wenigen Schlucken völlig betrunken rücklings auf den Boden. Schon triumphierte der Bauer. Als er sich aber im Licht des Kerzenscheines zu ihm hinunter beugte, erschrak er nicht wenig: statt eines Gesichts sah er einen leibhaftigen Totenkopf. Nachdem er sich von seinem Entsetzen so halbwegs erholt hatte, packte er die klapprige Gestalt, die leicht wie eine Gliederpuppe war, und stopfte sie in ein leeres Weinfass. Rasch verschloss er das Gebinde und eilte nach Hause. Nun hatte er gewonnen; der Tod war im Fass eingesperrt und ihm war ewiges Leben beschieden. Jahr um Jahr verging. Doch nicht nur er starb nicht, mit ihm wurden auch alle anderen Leute älter und älter. Sie schleppten sich mit grauem Haar mühsamer und mühsamer durchs Leben und die Nahrung wurde knapper und knapper.

Jetzt erst wurde der Herrgott auf die Not, die durch die Übervölkerung entstanden war, aufmerksam. Er schickte einen Engel in den Matzener Weinkeller, der den Tod aus seinem Gefängnis befreien sollte. Kaum war dies geschehen, zogen Seuchen ins Land und die Menschen starben der Reihe nach. Bald stellte sich wieder ein normales Verhältnis zwischen Leben und Sterben ein.

Nur der Hoisl blieb verschont. Er irrt heute noch mit einem Kreuz auf der Brust durch die Welt und wartet, bis der Tod alles Leben auf der Erde heimholen wird.

Quelle: Das Weinviertel in seinen Sagen, Thomas Hofmann, Weitra 2000, S. 240