SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Österreich >> Niederösterreich >> Weinviertel

   
 

DIE SCHWURWIESE

Knapp außerhalb von Siebenbrunn befindet sich mitten im fruchtbaren Marchfeld eine karge Wiese, wo nur spärlich Gras wächst. Dieser Fleck eignet sich nur für genügsames Weidevieh. In alten Zeiten war auch diese Wiese ein fruchtbares, sehr ergiebiges Ackerland. Damals bewirtschaftete es der ehrwürdige Koller-Aehnl, der zwei Söhne hatte, die sich aber miteinander nicht recht vertrugen.

Eines Julimorgens, als der Vater mit seinen beiden Söhnen soeben begann, das Getreide zu mähen, streifte den Vater der Schlag. Er spürte seine Kräfte schwinden und sah seine letzte Stunde nahen. So hielt er es für notwendig, seinen Besitz zu übergeben und sprach zu seinen beiden Söhnen: "Nehmt beide mein Haus, meinen Hof und alle Felder, aber schwört mir, dass ihr euch alles brüderlich teilt und dass ihr euch stets vertragt!" Die Söhne leisteten den Schwur und begannen nach dem Tod des Vaters gemeinsam zu wirtschaften.

Anfangs ging auch alles gut. Als aber die Jahre vergingen, begann ihnen das Spiel am Wirtshaustisch immer lieber zu werden. Statt selber die Felder zu bestellen, schickten sie lieber Knechte hinaus und vergaßen zunehmend, nach dem Rechten zu sehen, ob auch richtig gesät und genug gedüngt wurde. Durch ihre Nachlässigkeit und das prasserische Leben schmolz der ursprüngliche Reichtum des Vaters zunehmend. Bald mussten sie Felder und Äcker verkaufen und es blieb ihnen nur mehr dieser eine Acker, auf dem sie einst dem Vater den Schwur geleistet hatten.

Wie hungrige Wölfe stritten sie um das letzte Stück Land und töteten einander im Streit. So hatte der Himmel den nicht gehaltenen Schwur der beiden gerächt. Seither liegt das Grundstück brach und niemand hat es jemals wieder geschafft, an jener Stelle reiche Ernten heimzubringen.

Quelle: Das Weinviertel in seinen Sagen, Thomas Hofmann, Weitra 2000, S. 234