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DAS SCHIEFE KREUZ

Wer einmal die Wallfahrtsstraße nach Mariathal gegangen ist, dem ist sicherlich ein schiefes Kreuz aufgefallen, das in einem Steinsockel steckt. Rundum liegt eine sumpfige Wiese, auf der trotz aller Pflege nichts. anderes gedeiht wie Schierling und Schwarzwurz. Und wenn einer nach der Ursache fragt, weshalb dieses Kreuz schief steht, so erzählen ihm die Leute folgendes: War da vor Jahren ein reicher, aber gottloser Bauer,, dem halb Stampfen zu eigen war; der fuhr eines nachmittags vom „Körndlmarkt" in Malaczka heim, wo er seine „Fuhr" gut an den Mann gebracht hatte-Wie er nun so voll guter Laune war und um das, was. er im Magen und Kopfe hatte, weniger im Beutel trug, da rannte sein Gespann an ein hölzernes Kreuz, das am Wege stand. ,,Was denkt das Zeug," rief er zornig, „soll ich ihm ausweichen oder es mirl Wüall, wüall!" Und hast du's nicht gesehen, sauste die Peitsche über die Tierrücken nieder, daß es über krumm und grad hinging. Was dann geschehen ist; weiß niemand. Nur das erzählt man, daß, als die Leute am folgenden Tage zur Stelle gekommen sind, rund um das Kreuz ein Sumpf lag, aus dem böse Dämpfe emporstiegen. Der Bauer aber war mitsamt seinem Fuhrzeuge verschwunden.. Einer aus der Gemeinde hat das Kreuz später geraderichten wollen; es ist ihm aber beim besten Willen nicht gelungen. Selbst das Metallkreuz von heute muß schief stehen, damit es die Menschen an jenen unerhörten. Frevel erinnere. (Dr, Hans Schukowitz.)

Das Schiefe Kreuz; Harald Hartmann

Das Schiefe Kreuz an der Straße nach Mariathat .
© Harald Hartmann, November 2008

Ein Einwohner von Mariathal berichtete 2008, dass das Kreuz um 1960 von einem Automobil umgefahren wurde das in der abschüssigen Kurve zu schnell fuhr. Dabei wurde der Steinsockel zerstört. Danach wurde das Kreuz ohne Sockel wieder aufgestellt

Quelle: Carl Calliano, Der niederösterreichische Sagenschatz, Bd. II, Wien 1926