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DER RATTENFÄNGER VON KORNEUBURG

In alter Zeit, als noch viele Plagen, die heutzutage leicht beseitigt werden können, den Menschen arges Kopfzerbrechen verursachten, war die Stadt Korneuburg von so vielen Ratten heimgesucht, daß die Bevölkerung fast verzweifeln wollte. Nicht nur in allen Winkeln und Ecken wimmelte es von Ratten, auf offener Straße liefen sie frech umher, in Wohnungen und Zimmern hielten sie sich auf, nichts war sicher vor ihnen. Zog jemand eine Lade heraus, hüpfte ihm eine Ratte entgegen, legte er sich zu Bett, begann es im Stroh zu rascheln, setzte er sich zu Tisch, waren die Ratten ungebetene Gäste und sprangen sogar ohne Scheu selbst auf den Tisch hinauf. Alle Versuche, die häßlichen Tiere loszuwerden, waren vergebens. Da setzte sich der weise Rat der Stadt zusammen und beschloß, einen hohen Preis für den auszusetzen, der die Stadt für immer von den unheimlichen Nagern befreie. Dies wurde denn auch öffentlich kundgemacht.

Einige Zeit verging, da erschien eines Tages ein fremder Mann beim Bürgermeister der Stadt und fragte, ob es mit der ausgesetzten Belohnung seine Richtigkeit habe. Als man ihm versicherte, daß es sich wirklich so verhalte, erklärte der Fremde, er wollte mittels seiner Kunst alle Tiere aus ihren Löchern und Verstecken hervorlocken und in die Donau verbannen, worüber die Stadtväter sehr erfreut waren.

Rattenfänger von Korneuburg

Briefmarke 13 S, Republik Österreich, 1998
Sammlung Claudia Ruppitsch

Sogleich begab sich der Mann vor das Rathaus und zog aus einer dunklen ledernen Tasche, die ihm über die Schulter hing, ein schwarzes Pfeiflein hervor. Es waren keine angenehmen Töne, die er seinem Instrument entlockte; ein gellendes Quietschen und Quieken schrillte durch die Gassen, aber den Ratten schien diese Musik zu gefallen. Haufenweise kamen sie aus ihren Schlupfwinkeln hervor und liefen den grellen Tönen nach. Langsam schritt der Pfeifer der Donau zu; vor ihm, ringsherum, hinter ihm aber schlängelte sich wie ein greulicher schwarzgrauer Wurm der Zug der Ratten durch die Straßen.

Am Ufer angelangt, blieb der Mann nicht stehen, sondern ging, ohne zu zögern, bis zur Brust in die Fluten, die Ratten aber folgten ihm unentwegt, stürzten sich ins Wasser, verknäulten sich ineinander und trieben schließlich in die Mitte des Donaustromes hinaus, wo sie von den Wellen fortgerissen wurden. Alle waren dem Musikanten gefolgt, nicht ein Schwänzchen blieb am Ufer.

Staunend hatte die versammelte Bevölkerung diesem Schauspiel zugesehen und umjubelte den seltsamen Fremden, der sich nach getaner Arbeit ins Rathaus begab, um seinen Lohn in Empfang zu nehmen. Nun aber, die Ratten waren weg, zeigte sich der Bürgermeister weit weniger freundlich, meinte, so schwer sei die Sache ja nicht gewesen und man wisse nicht, ob das Ungeziefer nicht am Ende wieder zurückkäme, kurz, er wollte den Mann mit einem Viertel des ausgesetzten Preises abfertigen. Der aber weigerte sich, den kleinen Betrag anzunehmen, und bestand auf der Auszahlung des vollen Lohnes. Da warf der Bürgermeister dem Fremden den Beutel mit dem geringen Lohn vor die Füße und wies ihm die Tür. Der Rattenfänger ließ das Geld liegen und verließ mit böser Miene die Ratsstube.

Einige Wochen vergingen. Eines Tages zeigte sich der Fremde, weit prächtiger gekleidet als das letztemal, wieder in der Stadt. Auf dem Hauptplatz zog er seine Pfeife aus der Tasche, die golden funkelte. Als er sie an die Lippen setzte, ertönte ein feines Klingen und Singen, alles horchte verwundert auf die wundersamen Töne. Die Kinder aber liefen ihm aus allen Häusern scharenweise zu und folgten ihm, als er mit wiegenden Schritten der Donau zu ging. Auf dem Strom schaukelte ein Schiff, das mit bunten Bändern und wehenden Fahnen geschmückt war. Ohne mit seiner Musik aufzuhören, bestieg der Pfeifer das Fahrzeug, und alle Kinder trippelten hinter ihm drein. Als das letzte auf dem Schiff war, stieß es vom Ufer ab, drehte sich in den Strom hinaus und fuhr im hellen Sonnenschein immer rascher stromabwärts, bis es in der Ferne verschwand. Nur zwei Kinder waren in der Stadt zurückgeblieben, eines war taub und hatte die lockenden Töne nicht gehört, das andere war am Ufer umgekehrt, um sein Röcklein zu holen.

Als die Stadtbewohner ihre Kinder suchten und außer den beiden keines fanden, waren Schmerz und Jammer in der Stadt groß; denn es gab fast kein Haus, das nicht den Verlust eines oder mehrerer Kinder zu beklagen hatte. Das war die Rache des betrogenen Rattenfängers.

Quelle: Die schönsten Sagen aus Österreich, o. A., o. J., Seite 180