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DIE SAGE VOM PRANGER

Auf Prangersäulen stößt man in zahlreichen Orten. In Bockfließ befindet sich ein ganz besonders schöner Pranger, der sogar ein unterirdisches Gefängnis hat. Mehr als 250 Jahre, von 1417 bis 1783, wurde der steinerne Schandpfahl genutzt, ehe sich eine einzigartige Begebenheit zutrug, von der man noch lange sprach.

Pranger in Bockfliess © Harald Hartmann

Pranger in Bockfliess
bei Hauptstraße Nr. 38
mächtiger abgefaster Pfeiler mit zylindrischem Aufsatz und Kugel auf rundem Sockel, um 1500;
darunter Stiegenabgang und ehem. Gemeindekotter.
© Harald Hartmann, Juni 2006

Im Mai des Jahres 1783, zur Zeit der Spargelernte, bezichtigte ein Feldhüter ein Mädchen des Spargeldiebstahls. Schon seit langem hatte der Mann ein Auge auf das hübsche Mädchen geworfen, aber dieses lehnte seine Angebote immer wieder ab. So sann er nach Rache und da kam ihm die Spargelzeit gerade gelegen. Da das Mädchen keinen Zeugen hatte, und er Spargel vorwies, von dem er behauptete, das Mädchen habe ihn gestohlen, schenkte man dem Feldhüter Glauben. Trotz heftigster Beteuerung wurde die vermeintliche Diebin verurteilt, am Pranger zu stehen. Mit einer Tafel "Felddiebin" um den Hals musste sich das Mädchen, wie ein Schwerverbrecher mit Eisen an die Steinsäule gefesselt, dem Spott und Hohn der anderen Bewohner aussetzen.

Pranger in Bockfliess © Harald Hartmann

Pranger in Bockfliess
Stiegenabgang und ehem. Gemeindekotter.
© Harald Hartmann, Juni 2006

Da war von der Ferne ein heranrollender Wagen von Deutsch Wagram her zu vernehmen. Beim Pranger angekommen, beugte sich ein einfacher Mann voll Mitgefühles für das Mädchen heraus und fuhr weiter zum Schloss. Dort bemerkte er am Beginn der Kellergasse ein altes, weinendes, am Boden zusammengekauertes Mütterchen. Dieses erzählte ihm, dass es die Mutter des Mädchens am Pranger sei und beteuerte dessen Unschuld. Als der Unbekannte erfuhr, dass der Feldhüter schon des längeren dem Mädchen nachstellte, wurde ihm einiges klar. Sofort ließ er das Mädchen losketten, befahl den Feldhüter zu sich und stellte ihm allerhand Fragen. Dieser verstrickte sich bald in Widersprüche und gestand seinen Racheakt dem unschuldigen Mädchen gegenüber. An Stelle des Mädchens wurde nun sehr zur Verwunderung der Bevölkerung der Feldhüter an den Pranger gestellt.

Als der Wagen mit dem fremden Mann den Ort verlassen hatte, sprach sich schnell die Kunde herum, dass kein Geringerer als Kaiser Josef für Recht und Gerechtigkeit gesorgt hatte.

Pranger in Bockfliess © Harald Hartmann

Pranger in Bockfliess
© Harald Hartmann, Juni 2006

Quelle: Das Weinviertel in seinen Sagen, Thomas Hofmann, Weitra 2000, S. 267