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DER RATTENFÄNGER VON KORNEUBURG

Die alte Handelsstadt Korneuburg hatte das Recht, zahlreiche Märkte abzuhalten, und litt wie viele mittelalterliche Städte unter der Rattenplage. Immer wieder machten sich die Biester über die Lebensmittelvorräte der Bürger her und vernichteten auch die Kornvorräte. Besonders schlimm war die Lage im Sommer nach der Ernte, wenn es lange nicht geregnet hatte. Gewöhnlich ertranken bei den plötzlich hereinbrechenden Wassermassen der sommerlichen Gewitter auch die meisten der jungen Ratten, so dass sie auf natürliche Weise dezimiert wurden. War dem aber nicht so, zogen mit dem Getreide auch die Ratten in Scharen in die Stadt, um hier zu überwintern.

Eines Jahres war es wieder besonders schlimm, die Weisen der Stadt wussten nicht ein noch aus. Die Plage war so arg, dass sogar eine hohe Summe ausgesetzt wurde, die demjenigen zuteil werden sollte, der die Stadt von den Ratten befreite. Diese Kunde sprach sich im ganzen Land herum, und es dauerte gar nicht lange, bis ein Fremder kam und sich erbötig machte, die Ratten zu vertreiben. Da er keine Fallen mit sich trug, waren die Bürger neugierig, wie er der Plage Herr werden würde. Indes nahm der Unbekannte eine kleine Flöte aus seiner Rocktasche und spielte darauf ein kaum hörbares Liedchen. Und siehe da, die Ratten schienen die Melodien des Fremden zu hören. Sie kamen aus allen Winkeln und Löchern und folgten dem Musikus dicht an den Fersen. Dieser schritt einmal um den Hauptplatz, so dass ihn wirklich alle Ratten hören konnten, und verließ die Stadt über das Schifftor hinab zur Donau. Dort stieg er, soweit es seine hohen Stiefel erlaubten, in das Wasser und alle Ratten folgten ihm blindlings, wobei sie in den kalten Donaufluten jämmerlich ertranken. Als das Schauspiel, das die Korneuburger aufmerksam verfolgt hatten, zu Ende war, verlangte der Rattenfänger den ausgesetzten Lohn. Doch die Stadtväter meinten, dass für bloßes Flötenspiel die Summe viel zu hoch sei. Sie hielten sich nicht an ihre Abmachung und gaben ihm nur ein Almosen, wie man es einem armen Straßenspieler in seine Mütze wirft. "Auch gut", sagte der Fremde, "ich werde wieder kommen." Die Stadtväter wussten die Worte des Spielmannes nicht zu deuten und vergaßen ihn auch bald. Sie waren froh, dass die Rattenplage ein Ende genommen hatte.

Rattenfängerbrunnen
Der Rattenfängerbrunnen in Korneuburg, Niederösterreich
© Wolfgang Morscher, 13. Juli 2006

Inschrift: Rattenfänger
Inschrift: Rattenfänger am oben genannten Brunnen
© Wolfgang Morscher, 13. Juli 2006

Im nächsten Frühjahr kam der Rattenfänger jedoch wieder. Er war prächtig gekleidet und trug eine große, im hellen Sonnenlicht glänzende Flöte mit sich. Es war gerade Markttag. Er setzte sich auf den Hauptplatz nieder und begann schöne Weisen zu spielen. Voll Entzücken lauschten ihm die Leute. Bald begann er eine Runde um den Platz zu machen und die Kinder folgten ihm in einer langen Schar. Mit jeder Runde wurde die Schar der Kinder größer, sie glich beinahe einem Rattenschwanz. So zog er dann durch das Schifftor zur Donau hinunter und bestieg eines der dortigen Boote, wohin ihm auch alle Kinder folgten. Lediglich ein Kind war noch zurückgelaufen, um sich sein Mäntelchen zu holen. Als es wieder kam, sah es den Spielmann, der immer noch spielte, mit all seinen Freunden bereits die Donau abwärts fahren. Traurig ging es in die Stadt zurück, um den Eltern sein Leid zu klagen, dass es zu spät gekommen war. Mit Entsetzen mussten nun all die anderen Eltern feststellen, dass ihre Kinder von dem fremden Mann entführt worden waren. In der Stadt herrschte unbeschreibliches Jammern und Wehklagen. Erst jetzt erinnerten sich die Stadtväter an die Worte des Rattenfängers vom Vorjahr, der angekündigt hatte, wieder zu kommen.

Quelle: Das Weinviertel in seinen Sagen, Thomas Hofmann, Weitra 2000, S. 124