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DIE HEXEN AM KREUZWEGE

Kreuzweg bei Niederfellabrunn © Harald Hartmann

Der Kreuzweg bei Niederfellabrunn von Streitdorf kommend.
Im Hintergrund der Leeberg, ein hallsstattzeitlicher Tumulus.
© Harald Hartmann, September 2008

Zwei Schwestern waren an arme Taglöhner in Streitdorf und Nieder-Fellabrunn verheiratet. Sie lebten sehr kümmerlich von dem kargen Lohn, den sie sich in harter Arbeit verdienen mußten. Da wurde die eine der Schwestern immer wohlhabender und bald besaß dieses Ehepaar ein schönes Haus mit Vieh und Äckern. Der andern Seh wester. ging es nach wie vor schlecht Sie konnte sich den plötzlichen Wohlstand der andern nicht erklären. Sie und ihr Mann arbeiteten doch fleißig, darbten und sparten und konnten sich doch nur das dürftige Leben erhalten., Sie klagte der Schwester ihre Not. Da sagte diese: „Es hängt nur von dir ab, daß es euch auch so gut gehe. Heute ist gerade der richtige Tag. Komm um Mitternacht zum Kreuzweg zwischen unsern Dörfern. Sage aber niemandem davon!"
Die Frau war neugierig, was da kommen sollte. Sie legte sich mit ihrem Manne zu Bett und wollte dann heimlich fortgehen. Sie schlief aber ein. Da wurde ihr Mann durch ein Klopfen am Fenster wach. Eine Stimme rief draußen: "Komm, komm!" Er schaute nach, wer draußen sei, sah aber niemanden. Er meinte geträumt zu haben und legte sich wieder nieder. Wieder klopfte es und wieder sah er niemanden. Als es noch ein drittesmal vorkam, weckte er seine Frau. Die wurde ganz verlegen und gestand ihm, sie habe nachts ohne sein Wissen fortgehen wollen. Dem Manne kam das nicht recht richtig vor und er bestand darauf, sie zu der bestimmten Stelle zu begleiten. Bald kamen sie zum Kreuzweg und wie erstaunten sie, als sie zu einem Hexentanz zurechtkamen. Sie sahen unter den Hexen viele Bekannte aus der Gegend, auch die Schwester der Frau war darunter. Die Hexen sahen sich durch einen Mann entdeckt und drangen auf die beiden ein. Da schlug die Frau in ihrem Schrecken ein Kreuz und verschwunden war der Spuk. Schaudernd standen sie allein am Kreuzweg. Sie wanderten heim und beide waren froh, daß die Frau vor dem Schicksal, eine Hexe zu werden und dem Teufel verfallen zu sein, entronnen war. Lieber wollten sie in Armut weiter leben.
(Fr. Joh. Serna, Stockerau.)

Quelle: Carl Calliano, Niederösterreichischer Sagenschatz, Bd. IV, 1927