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DER GOLDFADEN

In der Zeit der Ritter stand auf dem Kaltstubenberg bei Puch eine große Burg. Die Ritter dort waren bekannt wegen der rauschenden Feste, die sie oft bis spät in die Nacht feierten. Dabei ging es sehr ausgelassen zu, immer öfter vergaßen sie ihre guten Tugenden. Auch an Speis und Trank wurde hier nicht gespart, dem Überfluss folgte bald der Übermut.

Eines Nachts, als wieder ein rauschendes Fest gefeiert wurde, begann die gesamte, fest gemauerte Burg mit ihren Mauern und Türmen zu erzittern. Die Erde bebte und brachte die hohen, zinnenbekrönten Wehrgänge, die Türme und schließlich das gesamte Schloss zum Einstürzen. Erschrocken schrien Ritter, Knappen, Burgfräulein und Mägde um Hilfe; doch niemand konnte ihre verzweifelten Hilferufe hören. All das Jammern und die Wehklagen verklang ungehört in der dunklen Nacht: die gesamte Burg versank in den Erdboden, ohne dass auch nur ein Mensch überlebte.

Wohl waren die Bauern durch das Getöse der einstürzenden Maueren aus dem Schlaf gerissen worden. Als sie am nächsten Morgen zum Burgberg blickten, war von der stolzen Festung nicht einmal mehr ein Stein zu sehen. Der Erdboden hatte alles verschluckt.

So vergingen viele Jahre, die verschwenderischen Ritter mit den ausschweifenden Festen lebten nur mehr in der Überlieferung fort. Jahre später ging eines Tages ein Bauernmädchen auf das Feld, um seinem Vater Essen und Trinken nachzubringen. Froh und munter schritt es über die Felder. Als es so dahin ging, erblickte es am Boden einen glänzenden Faden. Das Mädchen bückte sich, hob das Ende des Fadens auf und begann ihn aufzurollen. Doch der Faden wollte kein Ende nehmen, der Knäuel wurde größer und größer und schließlich kam das Mädchen zum Kaltstubenberg. Dort sah es eine große Burg mit hohen, zinnenbekrönten Mauern und festen Türmen. Schon konnte das Kind das mächtige Bauwerk genau erkennen, als plötzlich der Faden riss. Mit einem Schlag versank der Bau unter großem Getöse wieder im Boden.

Erschrocken lief das Mädchen nach Hause und erzählte seiner Mutter von dem seltsamen Erlebnis. Als es den zu einem Knäuel aufgewickelten Faden herzeigte, war er zu purem Gold geworden. Von dieser Stunde an hatte die Familie keinen Hunger und keinen Mangel mehr zu erleiden. Die Burg wurde aber seit dieser Begebenheit von keinem Menschenauge mehr gesehen.

Quelle: Das Weinviertel in seinen Sagen, Thomas Hofmann, Weitra 2000, S. 114