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DAS GESCHENK DER DONAUNIXE

Als die Donau noch nicht reguliert war, gab es zahlreiche Inseln, von denen einzelne sogar bewohnt waren. Auf einer solchen lebte einst ein Fischerehepaar mit seinen beiden Kindern, einem kleinen Jungen und einem Mädchen.

Eines Tages spielte der Junge mit Kieselsteinen am Donauufer, während seine Schwester Fischernetze ausbesserte. Kaum gab sie einen Moment lang nicht Acht, war ihr Bruder aus den Augen verschwunden. Verzweifelt suchte sie ihn. Zum Glück fand sie ihn nach kurzer Zeit und schloss ihn überglücklich in die Arme. Er war gerade dabei, seine nassen Kleider auszuziehen und sie zum Trocknen in der Sonne aufzuhängen. Auf dem Weg nach Hause erzählte er ihr von seiner seltsamen Begegnung, die er im Wasser hatte: "Ich ging einen Schritt ins Wasser und wollte einen Fisch fangen. Da stolperte ich über einen Stein und fiel hin. Die Strömung trieb mich gleich ins tiefe Wasser. Plötzlich ist eine Frau aus der Donau gestiegen und hat mich auf ihren Armen ans Ufer getragen, wo du mich getroffen hast. Als Andenken hat sie mir diese silberne Schale und Blumen mitgegeben."

Im Laufe der Jahre wurde aus dem kleinen Jungen ein stattlicher Jüngling, der von seinem Vater rasch das Handwerk des Fischers erlernte. Auch in der Landwirtschaft war er äußerst tüchtig. So brachte er es, als er selber eine Familie mit vier Kindern hatte, bald zu ansehnlichem Reichtum. Die Blumen, die er einst als Geschenk bekommen hatte, hielt er ebenso in Ehren wie die silberne Schale.

Einmal geschah es, dass das alljährliche Donauhochwasser höher war als sonst. Über Nacht begann das Wasser rasch zu steigen. Nur mit Mühe konnte sich der Fischer mit seiner Familie an das feste Land retten. Haus und Hof wurden mitsamt dem Vieh in den Stallungen ein Raub der alles verschlingenden Fluten. Als das Wasser wieder zurückging, stand der Fischer, der mit einem Schlag zum Bettler geworden war, mit den Seinen vor dem Nichts, nur mehr die Grundmauern des Hauses waren zu sehen. Betrübt und vorwurfsvoll blickte er zur Donau und murmelte: "Grausame Donau, alles hast du mir weggenommen, nur diese wertlosen Seerosen bleiben mir." Damit meinte er jene Blumen, die er als Knabe von der Frau im Wasser bekommen hatte.

Kaum hatte er den Satz zu Ende gesprochen, teilten sich wie von Geisterhand die Donauwellen und eine Donaunixe erschien an der Wasseroberfläche. "Du hast mich beim Namen meiner Blume gerufen, schau worauf du stehst!", rief sie dem erstaunten Mann zu. Er blickte nur verwundert zu Boden, wo er nichts als hellen Donausand sah. Als er jedoch genauer hinschaute, merkte er, dass er auf reinem Goldsand stand. Überglücklich bückte er sich, hob eine Hand voll auf und begann damit ein neues Leben aufzubauen.

Noch viele Jahre danach dachte er mit seiner Familie voll Dankbarkeit an die Großzügigkeit der Donauixe.

Quelle: Das Weinviertel in seinen Sagen, Thomas Hofmann, Weitra 2000, S. 148