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DER FUHRMANN AUF KREUZENSTEIN

Die Straße entlang der Donau von Stockerau über Korneuburg nach Wien wurde früher von vielen Fuhrwerkern befahren. Damals verlief die Straße auch noch näher am Schliefberg, wo seit den Schwedenkriegen die Ruinen der Burg Kreuzenstein herab grüßten. So manche aufregende Geschichte erzählten sich die Fuhrwerker auf ihren Fahrten. Von einem Schatz war die Rede, der aber von den Geistern der alten Burgbewohner streng bewacht wurde. Man erzählte außerdem, dass sie jeden töten würden, der es wagte, den Schatz zu heben. Daher mieden auch alle die dunklen Gemäuer.


Der Schliefberg zwischen Korneuburg und Stockerau mit der Burg Kreuzenstein; Niederösterreich
Foto: ©Harald Hartmann, 22. Juni 2008

Gerade dieses Gerede und die Hoffnung, über Nacht reich zu werden, reizte einen jungen Stockerauer Fuhrmann ganz besonders. Jedesmal, wenn er mit seinem Pferdewagen vorbei fuhr, nahm er sich vor, das nächste Mal zur Ruine hinaufzugehen. Als er eines Abends an der Stockerauer Straße heimwärts fuhr, bemerkte er in den alten Mauern einen Lichtschein. Ohne lange zu zögern schritt er den Berg hinan. Oben angekommen sah er aber keine Spur eines Feuers oder einer Wohnung, von der der Lichterschein hätte kommen können. Er meinte nun, dass er ein Irrlicht gesehen hätte und kehrte zu seinen Pferden zurück.
Am nächsten Tag, als er abermals zu später Stunde heimfuhr, wiederholte sich das merkwürdige Schauspiel. Eisig kalter Wind pfiff durch den Wald, als er den Berg hinauf ging. Diesmal wollte er den Weg nicht umsonst machen. Trotz der gespenstischen Stimmung schritt er entschlossen auf die Ruine zu. Kaum war er angekommen und hatte seinen Fuß über die Schwelle gesetzt, trat ihm ein altes Weib mit funkelnden Augen und einer Laterne in der Hand entgegen: »Halt Fremder! Was führt dich her? Ich muss es wissen, ehe ich dir Eintritt gewähre.« »Ich bin neugierig und will den Schatz heben«, gestand der furchtlose junge Mann. »Wisse, dass du Mut brauchst, denn, wenn es dir nicht gelingt, die gebannten Geister zu erlösen, wirst du dein Abenteuer mit dem Leben bezahlen.«

Der Fuhrwerker war fest entschlossen und hatte keinerlei Angst. Der Sturm heulte noch heftiger als vorher, der Mond verbarg sich hinter einer dichten Wolkendecke und aus den Mauern war heiseres Hundegebell zu hören. Von Ferne vernahm er das Läuten der Kirchenglocken von Leobendorf: es war Mitternacht geworden. In diesem Augenblick stürmte aus dem Burghof ein schwarzes ROSS mit feuerschnaubenden Nüstern auf den Burggraben. Am Sattel des rasenden Rosses war ein glühender Schlüsselbund befestigt, den der Schatzsucher benötigte, um die unterirdischen Türen der Schatzkammer zu öffnen. Das hatte ihm das alte Weib noch gesagt. Mit einer langen Stange versuchte er die Schlüssel vom Sattel zu reißen. Doch vergeblich, sie waren zu fest angebunden. Als das Ross abermals hart an ihm vorbei stob, versuchte er es nochmals. Auch diesmal wollte es ihm nicht gelingen. Der dritte Versuch, die Schlüssel an sich zu reißen, damit die gebannten Geister zu erlösen und den Eintritt zum Schatz zu erlangen, scheiterte ebenfalls. Da bekam es der wackere Fuhrmann mit der Angst zu tun, er rannte Hals über Kopf den Berg hinunter zu seinen Pferden.

Beim Morgengrauen, als sich die ersten Fuhrleute von Stockerau aus nach Wien aufmachten, fanden sie ihren Kameraden tot am Rande des Waldes liegen. Die alte Frau hatte Recht behalten: die unerlösten Geister hatten wieder einmal Rache an einem Schatzsucher genommen.

Quelle: Das Weinviertel in seinen Sagen, Thomas Hofmann, Weitra 2000, S. 135