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DER WASSERMANN

In Haugsdorf im Pulkautal lebte ein Bauer, der sich vor nichts und niemandem fürchtete. Er glaubte weder an Geister und Wassermänner noch an Feen. Unerschrocken wie er war, ging er eines Tages zur Pulkau baden, obwohl man ihn vor dem Wassermann, der schon so manchen in die Tiefe gezogen hatte, warnte. Bei dem Wehr stieg er ins Wasser und kaum war er mit beiden Füßen drinnen, spürte er, wie es ihn in die Tiefe zog. Er versuchte sich noch zu halten, aber es half nichts. Er verlor sein Bewusstsein und verschwand in der Pulkau.

Als er wieder aufwachte, fand er sich in einem wunderschönen Zimmer wieder. Der Boden des Raumes, in dem er sich befand, war mit Fischaugen belegt und funkelte. Plötzlich trat der Wassermann zu ihm hin und sagte: "Fürchte dich nicht, deine Zeit ist noch nicht gekommen. Ich habe dich zu mir geholt, um dir den Unglauben zu nehmen."

Dann führte er ihn in einen Nebenraum, wo eine Unmenge von Töpfen stand. Der Bauer war ganz verwundert über die vielen Gefäße. Manche waren umgestürzt, andere wiederum standen aufrecht und waren oben offen. Der Wassermann erklärte ihm den Sinn der Töpfe: "In den umgestürzten befinden sich die Seelen der Ertrunkenen, die offenen Töpfe stehen für jene bereit, die jetzt noch leben und später ertrinken werden." Nachdenklich fragte der Bauer, ob auch für ihn ein Topf bereitstehe, worauf der Wassermann mit seiner Hand auf ein offenes Gefäß wies.

Dann gingen die beiden im unterirdischen Reich weiter. Zunächst kamen sie in ein Zimmer, in dem an den Wänden Totengerippe standen. Dann gelangten sie in einen großen Raum, dessen Wände über und über mit Diamanten geschmückt waren. Der Boden war mit Gold und Silber ausgelegt und in der Mitte befand sich ein Teich mit herrlichen Fischspeisen.

"Iss und nimm dir Gold, soviel dein Herz begehrt!", sprach der Wassermann zum Bauern, der sich dies nicht zweimal sagen ließ. Mit Schätzen reich beladen kehrte er am nächsten Tag wieder zu den Lebenden zurück. Hier lebte er in Saus und Braus und litt keinerlei Mangel, ohne jemals an die Worte des Wassermannes oder gar an den für ihn bestimmten Topf zu denken.

Nach genau zehn Jahren ging er abermals baden; aber diesmal sollte ihn das Schicksal ereilen - er ertrank bei jenem Wehr in der Pulkau.

Quelle: Das Weinviertel in seinen Sagen, Thomas Hofmann, Weitra 2000, S. 59