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DER GOLDENE BECHER

Es begab sich in jener Zeit, als die alte Grenzstadt Laa noch ringsum von einer hohen Mauer und einem Wassergraben umgeben war. Ein Bauer war damals zu mitternächtlicher Stunde vom Ruhhof auf dem Weg nach Hause. Rasch durchschritt er die dunklen Thayaauen und suchte die Sicherheit der schützenden Mauern. Schon war er ihnen nahe und hatte nur mehr den Galgenberg zu queren. Hier schauderte ihn besonders, ist doch diese Gerichtsstätte selbst bei Tag kein angenehmer Ort.

Als er die sanfte Anhöhe des Gerichtshügels erreicht hatte, wo man gewöhnlich das hölzerne Gerüst des Galgens stehen sah, erblickte er an besagter Stelle einen hellen Lichterschein. Erstaunt hielt der Bauer inne und bemerkte das blendende Leuchten eines taghell erleuchteten Palastes, wo laut und fröhlich gefeiert wurde. Wie er staunend näher trat, kam ein junges, freundlich lächelndes Mädchen auf ihn zu und forderte ihn zum Tanz auf. Ohne lange zu überlegen trat er ein und feierte mit der munteren Gesellschaft. Als der Tanz zu Ende war, reichte ihm das Mädchen einen goldenen Becher mit Wein und sprach zu ihm: "Komm, trink von meinem Wein und stärke dich!" Als er getrunken hatte, schien die Welt rund um ihn zu versinken, so gut schmeckte der Wein. Es war ihm, als schwebte er in einem Meer voll Seligkeit, das ohne Ende schien.

Erst der Glockenschlag der Laaer Kirche um ein Uhr morgens riss ihn aus seinen Träumen. Mit einem Schlag war alles vorbei, es gab kein hell erleuchtetes Schloss, keinen Tanz und auch kein Mädchen mehr. Zitternd und zutiefst verunsichert erblickte der Bauer den schwarzen Galgen im Dunkel der Nacht und suchte rasch den Weg heimwärts. Den Becher, den er noch in Händen hielt, steckte er kurz entschlossen in seine Jackentasche.

Am nächsten Morgen erschien ihm das nächtliche Erlebnis wie ein Traum. Als er in seine Jacke griff, aus der er den Becher herausziehen wollte, hielt er den Huf einer Kuh in Händen. Dies war der Beweis, dass er zu mitternächtlicher Stunde zu Gast bei Hexen gewesen war.

Quelle: Das Weinviertel in seinen Sagen, Thomas Hofmann, Weitra 2000, S. 202