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Das Beurlaubungskreuz

An der Reichsstraße gegen Prag steht unweit der Stockerauer Postmühle, eine Denksäule, die den Abschied Christi von seiner Mutter darstellt. Die Säule, im Volksmund die „Beurlaubung" genannt, wurde im Jahre 1718 von dem Stockerauer Bürger und Gastwirt „Zum schwarzen Rössel", Matthäus Roger, zum Danke für die Verschonung seiner Familie von der Pest errichtet. Das Volk hat daran folgende Sage geknüpft:

Beurlaubungskreuz, Bildstock, Stockerau © Harald Hartmann

Bildstock Beurlaubungskreuz, Stockerau
© Harald Hartmann, 23. Februar 2006

Zwei Freunde, gebürtige Stockerauer und Handwerker ihres Zeichens, zogen am selben Tage auf die Wanderschaft. Jeder hatte etwas Tüchtiges gelernt; jedoch in ihrem Wesen waren sie sehr ungleich, der eine sparsam und ernst, der andere leichtsinnig und gerne in lustiger Gesellschaft. An der Stelle, wo die Säule steht, trennten sie sich und sie beschlossen, genau nach fünf Jahren auf demselben Platze sich einzufinden, um dann gemeinsam in den Heimatsort zu ziehen. Der eine war rechtschaffen und fleißig geblieben und hatte sich während der fünfjährigen Abwesenheit ein nettes Sümmchen erspart, der andere aber hatte sein erträumtes Glück nicht gefunden. Für ihn galt das Sprichwort: „Wie gewonnen, so zerronnen." Da er nichts erspart hatte, mußte er sich die lange Rückreise durchbetteln.

Am verabredeten Orte erwartete ihn freudig erregt sein Freund, begrüßte ihn herzlich und zeigte ihm die erworbenen Schätze, seine Barschaft und die Geschenke für Vater, Mutter und Geschwister. Da erwachte im Herzen des leichtsinnigen Gesellen der Neid, er konnte seine Augen von dem vielen Golde gar nicht abwenden. Als der andere sich bückte, um sein Ränzel zu schnüren, schlug ihn der Habgierige mit seinem derben Stocke zu Boden, beraubte den Sterbenden all seiner Habe und suchte das Weite. Fuhrleute, die des Weges kamen, brachten den Erschlagenen den ungeduldig harrenden Eltern. Das war ein trauriges Wiedersehen. Später ließen diese der Sage nach an der Stelle, an der die Bluttat verübt worden war, zu ewigem Gedenken die Säule errichten.

Quelle: Carl Calliano, Niederösterreichischer Sagenschatz, Bd. 5, Heinrich Kirsch, Wien 1936 (Nach Frau Haselsteiner, Stockerau.)
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Harald Hartmann, Februar 2006.
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