SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Österreich >> Niederösterreich >> Waldviertel

   
 

DER THAYA-WASSERMANN

Seit urdenklich langer Zeit hauste in den tiefsten Stellen der Thaya, von den Ortsbewohnern Tümpel genannt, ein Wassermann. Wer sich bei Vollmond in die Nähe der Thaya wagte, hörte vom Flusse her erst leises Rauschen, dann plätscherte und spritzte es, und der Wassermann stieg empor aus der Tiefe und setzte sich ins Schilf. Der Mond leuchtete auf das Wasser, sodaß es wie Silber glitzerte. Bedächtig kämmte nun der Wasserman mit einem goldenen Kamm aus seinem grünen Bart und seinem langen grünen Haupthaar silberne Tropfen, die dann am Ufer zurückblieben, sobald er wieder in die Fluten getaucht war. Die Silbertropfen mußte man holen, solange der Tag noch nicht erwacht war. Und gar mancher Hardegger Bürger soll davon reich geworden sein. Aber es war nicht ganz ungefährlich, die Tropfen aus Silber zu holen, denn manchmal lauerte der Wassermann, im Schilf verborgen, den Menschen auf, um sie mit sich in die Tiefe zu ziehen.

So sah man ihn oftmals am Granitztümpel unter dem Turmfelsen sitzen oder am Grundlostümpel beim Umlaufberg. Desggleichen hat er sich auf den Wehren der Neuhäusl- und Teufelsmühle gezeigt. Vor allem lockte er kleine Kinder zu sich und zog sie dann in die unheimliche Tiefe der Thaya. Meistens zeigte er ihnen durch das spiegelnde Wasser am Grunde des Flusses eine versunkene Stadt. Der Teil von Hardegg soll es gewesen sein, der sich, wie man sagt, dereinst vom Brandlesturm bis über die Breiten erstreckt -haben soll und durch ein furchtbares Erdbeben zerstört worden sei. Der Wassermann zeigte den Kindern eine große, silberne Glocke unten im Wasser, und sie sahen viele Menschen in unbekannten bunten Trachten lu stig durch alte Gassen wandeln. Dann lud er die Kinder ein, doch mit ihm die fremde Stadt zu besuchen und zog sie mit sich in den Fluß. Nur einem Buben soll es einmal gelungen sein, den Wassermann zu überlisten. Dort, wo dieser zumeist aufzutauchen pflegte, hatte der Knabe an einem Baum des Ufers einen Strick befestigt, dessen anderes Ende er sich um seinen Leib knüpfte. Als dann der Wassermann aus den Thayafluten gestiegen war, bat ihn der Knabe um die silberne Glocke vom Grunde des Flusses. Der Wassermann versprach sie ihm auch, wenn er mit ihm in den Fluß steigen wollte. Das Büblein tat es, fand die Glocke und konnte sich mit Hilfe des Strickes wieder ans Ufer ziehen - sehr zum Verdrusse des Wassermanns. Die silberne Glocke aber, die der Knabe mit aus dem Wasser heraufgeholt hatte, schmolz am Ufer dahin wie das Eis, und zurück blieb nur eine kleine Pfütze. Sonst aber waren stets alle Kinder für immer verschwunden, die zu nahe am Ufer der Thaya gespielt und die der Wassermann dann geholt hatte.


Quelle: Franz Bischof, Raimund Jordan, Sigrid Enzenhofer, Sagen und Legenden aus Hardegg, Hardegg 1978, Seite 19