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DIE SCHWARZE FRAU VON HARDEGG

Gerade gegenüber der Hardegger Burg erhebt sich aus dem Walde ein wuchtiger Felsblock, Reginafelsen wird er genannt. Mitten ins Fugnitztal ragt er hinein mit seiner steilen Nase. Dort, wo die Bäume das graue Gestein dem Blick des Beschauers freigeben, läßt sich noch gut ein Mauerwerk erkennen, das wie ein Schwalbennest in die Felswand gefügt ist.

Einst lebte auf der Burg Hardegg ein wilder, junger Graf. Tagtäglich zechte er mit seinen Kumpanen bis tief in die Nacht, betrank sich und führte auch sonst ein gotteslästerliches Leben. Manch hübsches Mägdlein hielt er in seinen Armen, um es nach kurzer Zeit, wenn er seiner überdrüssig ward, wieder von sich zu stoßen. Freilich sollen die wenigsten unter ihnen zimperlich gewesen sein. Und immer liderlicher trieb er es und schreckte vor keiner Schandtat mehr zurück. So begab es sich, daß er einmal auch Schön-Regina drunten aus dem Städtchen auf seine Burg holen wollte, denn schon lange gelüstete es ihn nach der bildhübschen Maid. Jedoch widerstand die Jungfer all seinen falschen Liebesschwüren. Kein Versprechen half da, und kein Schmuckstück konnte sie reizen, aber auch keine Drohung brachte sie dazu, seinem Wunsche gemäß auf das Schloß zu ziehen. Da ließ sie der Graf von seinen Knechten entführen und auf seine Burg bringen. Als sie sich auch hier allen seinen Wünschen widersetzte, erfaßte den Grafen unbändiger Zorn. Er befahl seinen Schergen, das arme Geschöpf in die Felswand gegenüber der Burg lebendigen Leibes einzumauern, damit sie einen jammervollen Hungertod stürbe. Rohe Fäuste binden Regina und schleppten sie fort. Ihr Köpfchen nach hinten, der Burg zugewendet, schied sie aus dieser Welt. Bis zuletzt hatte sie gehofft, daß sich des Grafen Herz doch noch erweichen würde.

In seinem grausamen Hochmut wollte sich der Graf noch selbst vom Gelingen des greulichen Werkes überzeugen und eirschien hoch zu Roß auf dem Felsen. Sein Schimmel aber strauchelte, und mit einem Aufschrei stürzte er in den gähnenden Abgrund. Es muß wohl auch der Teufel seine Hand mit im Spiel gehabt haben, denn niemand vermochte die Leiche des Ritters und seines Pferdes zu finden.

Wanderer berichteten hernach des öftern, daß sie in Vollmondnächten, dann wenn Wolkenfetzen über die gelbe Scheibe zogen, urplötzlich eine schemenhafte Reitergestalt erblickten, die auf einem Schimmel im rasenden Galopp und doch ganz lautlos dem Felsen zustrebte. Dort oben angelangt, suchte der Reiter verzweifelt sein Roß von dem Abgrund zurückzuhalten. Aber stets stürzte er mit ihm in die schwarze Tiefe hinab. So muß wohl der Graf bis züm Jüngsten Tag jede Vollmondnacht zur Strafe seinen Todessturz aufs Neue erleiden. Das Volk gab ihm den Namen Schimmelreiter und nannte den Felsen von da ab den Reginafelsen. Die tote Jungfrau aber sucht seit dieser Zeit ihr Grab. Wenn es vom Stadtturm Mitternacht schlägt, schwebt sie im langen, wallenden Trauergewande dem Friedhof zu.

Nun kam nach Jahren in die Gegend auch ein jüdischer Hausierer, der seine Waren auf einem Bauchladen dem Volke feilbot. Es waren durchwegs kleinere Gebrauchsgegenstände, wie Spielsachen, Zwirne, Schnürriemen und Bänder. Daher wurden die Hausierer auch Bandlkramer genannt. Um die damals beschwerlichen Fußsteige abzukürzen, nahmen sie oftmals den Weg durch die Wälder. In einer stockfinsteren Nacht wanderte solch ein hausierender Jude durch den Fellinger Wald Hardegg zu. In der Dunkelheit war er aber vom Weg abgekommen und sah plötzlich die Umrisse der Burg vor sich. Er befand sich auf dem Reginafeisen, als er schon ein Rauschen neben sich gewahrte. Wallende Schleier umfingen ihn und er starrte in das totenbleiche Antlitz der Schwarzen Frau. In panischer Angst wollte eidavon und, Ohne zu bedenken, daß er vor dem Abgrund zur Fugnitz stand, eilte er vorwärts und stürzte die stelle Wand hinunter in den Fugnitzbach, wo er tot liegenblieb. Diese Stelle hat auch bis heute den Namen Judentümpel beibehalten.

Die schwarze Frau von Hardegg

Briefmarke 8 S, Republik Österreich, 1999
Sammlung Claudia Ruppitsch

Noch zu Urgroßmutters Zeit trieb die Schwarze Frau ihr Unwesen auf dem Friedhof und in der Nähe der Burg. Zu mitternächtlicher Stunde sah man sie oft und oft von der Burg zum Friedhof herabschreiten. Dort irrte sie umher und suchte ihr Grab. Eine Magd, welche nach ihres Tages Müh und Plag noch im Pfarrhof Wäsche waschen mußte, um sich ein paar Pfennige dazuzuverdienen, trat einmal spät nachts den Heimweg an. Um schnell daheim zu sein, wählte sie einen kürzeren Weg, der sie über den Friedhof führte. Eben hatte sie diesen betreten, da verspürte sie einen eisigen Luftzug. Von der Kirche her schwebten schwarze Schleier auf die zu Tod. erschrockene Magd zu und schon stand auch die Schwarze Frau vor ihr, von der sie immer von den Leuten erzählen gehört hatte. Gruselig war sie anzusehen. Den Kopf trug sie verkehrt, wie sie ehedem aus dem Leben geschieden war, und starrte mit blutleerem Gesicht auf die zitternde Magd vor ihr. Dann schwebte sie hin zum Karner, in dem sie mit Gepolter verschwand.

Es hörte sich noch an, als ob Knochen gegen die Karnertüre geworfen würden, dann war Totenstille ringsum. Die Magd aber entellte so schnell sie konnte und hütete sich, je wieder zu später Stunde über den Friedhof zu gehen.

Wenngleich späterhin die Schwarze Frau niemandem etwas zuleide tat, so erschreckte sie doch die Bewohner Hardeggs immer aufs neue. Eines Nachts hatte sich auch der Förster verspätet gehabt, und auch er ging über den Friedhof, um rasch in sein Haus zu gelangen. Als er aber der schwarzen Frauengestalt ansichtig wurde, riß er sein Gewehr von der Schulter und ballerte nur so drauf los. Seit dieser Zeit hat kein Mensch mehr die Schwarze Frau in Hardegg gesehen. Der nächtliche Spuk war für allezeit vorbei.


Quelle: Franz Bischof, Raimund Jordan, Sigrid Enzenhofer, Sagen und Legenden aus Hardegg, Hardegg 1978, Seite 7