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DER SPUK AUF RAPPOTTENSTEIN

Im Jahre 1683 eilte der 11jährige Knabe, Graf Nikolaus Zrinyi, der spätere Held von Szigeth zur Verteidigung Wiens gegen die Türken. Auf dem Wege dahin übernachtete er bei der Familie des Grafen Traun auf Rappottenstein. Man saß bei der Abendtafel, fröhlich erklangen die Becher, man sprach von den zu erwartenden Siegen über die Türken und als endlich der Gast sein Schlafgemach aufsuchen wollte, kam noch die Sprache auf einen nächtlichen Spuk, einen gespenstigen Zweikampf der längst verstorbenen, nicht einmal dem Namen nach mehr bekannten Brüder von Kuenring, der früheren Besitzer des Schlosses. Im Stamme der Kuenringer soll der Sage nach die Liebe zwei Brüder zu unversöhnlichen Feinden gemacht haben. Der eine wollte den anderen im Schlafe beschleichen und ermorden; durch eine zitternde Bewegung des Mörders aufgeschreckt, griff aber der andere nach dem neben seinem Bette lehnenden Schwerte und nun begann im dunklen ein furchtbarer Kampf, der mit dem Tode beider endete.

Burg Rappottenstein © Tanja Beinstingl

Burg Rappottenstein
© Tanja Beinstingl, August 2004

Seit jener Zeit sollte alle Nacht in einem der oberen unbewohnten Gemächer diese Szene sich wiederholen. Polternde Tritte, Schwerthiebe und wüstes Geschrei, wie während eines erbitterten Kampfes, sollen sich hören lassen. Das Getöse währte eine Stunde und dann trat die ewige Totenstille ein. Der tapfere Junge belächelte die Spukgeschichte und erbat es sich als eine Gunst, statt in dem für ihn bestimmten Gemache, in der schauervollen Kammer zu schlafen. Man willfahrte ihm, wiewohl ungern. Als am folgenden Tage alles erwachte und sich vor der Abreise nach Wien zum Frühstücke versammelte, blieb der junge Zrinyi allein unsichtbar. Im Spukgemache herrschte tiefe Stille. Der Schloßherr ließ die Türe gewaltsam aufbrechen und fand den edlen Jüngling kalt und unbeweglich wie eine Bildsäule, die Hand am Säbel, den Blick starr auf die Mitte des Zimmers gerichtet, auf dem Bette liegen. Mit Mühe brachte man ihn zu sich. Als er sich erholt hatte, schritt er stumm mit den Gebärden eines eiligen Abschiedes hinaus und eilte von dannen. Er soll kein Wort gesprochen haben, bis er in Wien angekommen war, wo er solchen Heldenmut bewies, daß ihm Kaiser Karl V. den Ritterschlag, ein Streitroß und eine goldene Kette zum Lohne erteilte.

Burg Rappottenstein © Tanja Beinstingl

Burg Rappottenstein
© Tanja Beinstingl, August 2004

Nach der Befreiung Wiens vernahm er, daß sich sein Freund Traun im Schlosse Petronell befände, weil die Familie Rappottenstein verlassen und sich mit allen geschichtlichen Erinnerungen und Seltenheiten in das auf den Trümmern des alten Carnuntums erbaute Schloß begeben hatte. Er beschloß daher, sie mit einem Besuche zu überraschen. Nach den ersten Stunden des Willkommens durchwandelten die Freunde die weiten Säle Petronells und kamen in die Halle, wo von Rappottenstein die Ahnentafel und Familienbilder der Kuenringer aufgestellt worden waren. Hier rief der Magyar plötzlich aus: "Sie sind's! - diese beiden sind's, die ich kämpfen sah!" Und nun offenbarte sich, was durch lange Zeit unbekannt geblieben war, nämlich, welches Paar vom Hause Kuenring die feindlichen Brüder waren.


Kommentar: (Albert A. Wenedikt, Geschichte Wiens.)
Quelle: Carl Calliano, Niederösterreichischer Sagenschatz, Wien 1924, Band II, S. 21