SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Österreich >> Niederösterreich >> Waldviertel

   
 

DAS FEMGERICHT

Vor vielen hundert Jahren, in der "schrecklichen, der kaiserlosen Zeit", wie das Interregium damals genannt worden war, herrschte fast überall das Faustrecht, und das Raubrittertum blühte im ganzen Lande.

Am meisten gefürchtet war in unserer Gegend Heinz von Lippa. Er wir Ritter auf Burg Neuhäustl und ein übler Raubgesell. Keine Burg im Thayatal war vor ihm und seinen Horden sicher. Im Kriegshandwerk seit langem erfahren, belagerte er die Schlösser und schleppte reiche Beute heim auf seine Feste. Die Gefangenen ließ er in das Burgverlies werfen und gab sie nur gegen Zahlung eines hohen Lösegeldes wieder frei. Wenn aber niemand für sie zahlen konnte, mußten sie in der Gefangenschaft elendiglich zugrundegehen. Auf solche Art hatte er schon die Burgen Kaya und Vöttau bei Frain in Schutt und Asche gelegt, ihre Bewohner ermordet oder verschleppt.

Nun begab es sich, daß des Hardegger Grafen Frau starb. Sie hinterließ eine liebreizende Tochter in zartem Alter. Noch vor ihrem Hinscheiden hatte die Gräfin ihren Gemahl recht inniglich gebeten, das halbverwaiste Kind ganz besonders in seinen Schutz zu nehmen. Nun war die Burg Hardegg, infolge ihrer gar mächtigen Anlage die einzige gewesen, an welche sich der Raubritter von Neuhäusll bislang nicht herangewagt hatte. Wenn er aber schon die Burg nicht bezwingen konnte, so wollte er sich wenigstens des Grafen Gunst erringen, um weiterhin ungehindert seinem frevlen Räuberhandwerk nachgehen zu können. Deshalb tat er auch recht freunschaftlich und besuchte den Grafen auf der Burg Hardegg. Dort erblickte er zum erstenmal die anmutige Gestalt der Grafentochter.

Eine Verbindung mit ihr schien ihm der beste Garant für die Zugeneigtheit des Grafen, und so wollte er allsogleich um ihre Hand anhalten. Der Graf war jedoch ein untadeliger Ritter, dem sein räuberischer Nachbar schon seit langem sehr mißfiel. Kurz angebunden lehnte er die Werbung des Lippa ab und verweigerte seine Zustimmung. Das Gastrecht schnöde verletzend, überrumpelte Heinz von Lippa noch während des Festmahls, das, wie es ritterlicher Brauch war, dem Gaste zu Ehren gegeben worden war, mit seinen Mannen kurzerhand die Burgbesatzung. Den Grafen aber und seine Tochter führte er gefangen ab und brachte sie nach der Burg Neuhäusl, wo er sie zu den übrigen Gefangenen in sein Verlies werfen ließ. Für ihre Freilassung wollte er nicht nur ein Lösegeld, sondern auch das Einverständnis des Grafen zur Heirat mit semer Tochter erpressen.

Doch jetzt schien endlich das Maß für des Räubers Gewalttaten voll geworden zu sein. Vermummte Reiter sprengten durch die Nacht dem Gerichtsberg zu. Dort unter der Linde wollte das heimliche Gericht tagen, das Gericht der roten Erde, welches in Zeiten, da kein Kaiser für Recht und Ordnung sorgte, die übelsten Missetaten ihrer Sühne zuführte. Stockdunkel war es, und nur für Augenblicke lugte der Mond hinter einer Wolkenbank hervor auf acht stumme Gestalten. Die Freischöffen waren hier versammelt in schwarzen Kutten und Kapuzen. Unkenntlich für jeden, selbst für den, der teilnahm am Femgericht. So schützten sich die Männer vor Verrat und Rache. Einer trat vor aus dem Kreise der Wissenden und klagte an den Ritter von Lippa: des Raubes, des Mordes, der Brandschatzung und Schändung der Frauenehre. - War das nicht des Zornsteins Stimme gewesen, jenes jungen Adeligen, dessen Vater auf Burg Vöttau von Lippa ermordet worden war, und der damals selber nur mit Mühe den Schergen des Räubers entkam? - jetzt rief er Eideshelfer auf, sie mögen die Sache des Lippa vertreten. Doch niemand trat für den in die Schranken. Da zählten sie die Stimmen, und der Freigraf fällte den Spruch: Tod durch das Schwert! Und einer von ihnen wurde zum Vollstrecker des Urteils erkoren. Bis zum nächsten Neumond müsse Lippa gerichtet sein. Dann verließen sie den Freistuhl und gingen schweigend auseinander, so wie sie gekommen waren.

Unterdessen vergnügte sich Heinz von Lippa mit seinen Zechkumpanen noch auf der Bärenjagd. Er galt als vortrefflicher Schütze. Doch mitten in der Verfolgung des Wildes pfiff ganz plötzlich ein Pfeil an seinem Kopfe vorbei und blieb dicht neben ihm an einem Eichenstamm haften. Erschrocken drehte sich Lippa zur Seite, konnte jedoch niemanden erblicken. Ein Sendschreiben des Freigerichts, das ihm sein Urteil kundtat, hing an dem Pfeil. Lippa erbleichte, doch faßte er sich bald und lachte nur. Voll Hochmut ließ er seinen Leibburschen hängen, der so wenig acht gehabt und den heimlichen Schützen nicht erspäht hatte. Und weiter stürzte er sich ins Jagdgetümmel und vergaß gar bald dies ungemütliche Begebnis. Endlich traf er auf einen Bären und setzte die Saufeder an auf das sich wild aufrichtende Tier. Aber zuvor noch zuckte der Bär tödlich getroffen zusammen und sank vor ihm in das Gras. Ein Pfeil war des Ritters Speer zuvorgekommen und hatte das Wild erlegt. Betroffen und zugleich voll bebender Wut sah er nach dem, der es gewagt hatte, se Waidlust zu vergrämen! Da erspähte er endlich den Schützen. Lind rief nach seinen Spießgesellen, um ihn töten zu lassen. Doch es hörten ihn nicht die Genossen, einer wie der andere fröhnte allzu eifrig der Jagdlust. Da erkannte Lippa in dem Schützen den jungen Zornstein von Vöttau. Sein Jagdmesser zog er allsogleich blank, denn er wußte recht wohl, was dies zu bedeuten hatte. jm Namen des Femgerichtsl Dein Urteil ist gesprochen, ich selber hab es dir bekannt gemacht mit dem Pfeil an dem Baum. Verwirkt hast du dein Leben mit deinen zahllosen Greueltaten! Darum sollst du auch des Todes sein!« Mit diesen Worten drang Zornstein mit dem Schwerte auf Lippa ein, den er nach kurzem, aber hartem Kampfe durchbohrte. Nach altem Brauch ließ Zornstein seine Waffe in des Gegners Brust. Es war das Zeichen für die, welche ihn fanden, daß Heinz von Lippa dem Arm der Ferne zum Opfer gefallen war. Bauern fanden hierauf die Leiche, bestatteten sie aber nicht. Das kam nur ehrsamen Christenmenschen zu. Nein, auf den nächstbesten Felsen zerrten sie den toten Leib des Räubers und gaben ihn den Raben zum Fraße. Der junge Zornstein aber ließ alle jene, die im feuchten und finsteren Verlies von Burg Neuhäusl schmachten mußten, auf der Stelle frei. Auch der Graf von Hardegg und seine junge Tochter befanden sich darunter. Voll Dankbarkeit gab der Graf dem Ritt-er Zornstein seine Tochter zum Weibe, denn er wüßte sie nirgends besser geborgen als in den starken Armen des edlen Ritters. Alle waren am Ende glücklich, war doch das Land von einem der größten Raubritter befreit. Der Felsen aber, auf dem des Raubritters Lippa Leichnam von Raben zerfleischt worden war, wird heute noch der Rabenfelsen genannt.


Quelle: Franz Bischof, Raimund Jordan, Sigrid Enzenhofer, Sagen und Legenden aus Hardegg, Hardegg 1978, Seite 11