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DER EDENKELLER

Zwei Jahre vor dem Preußenkrieg des Jahres 1866 zog ein Fremder nach Hardegg. Einen mächtigen Krämerkasten trug er auf dem Buckel und verkaufte den Leuten, was sie halt so brauchten im Haus. Schuhbänder, Nähzeug, hölzerne Kochlöffel und allerlei Tand für die Frauen. Er wollte sich häuslich niederlassen und nahm ein dem Lehrer Rauchmann gehöriges Haus in Pacht. Rauchmann war als Lehrer in Merkersdorf beschäftigt und recht froh darüber, daß ihm das leerstehende Hardegger Haus Nutzen bringen sollte. So hatte er also auch nichts dagegen, als der Fremde, der sich Haslinger nannte, in seinem Hause eine Gaststube einrichten wollte.

Haslinger war sehr freigebig, doch um die Gaststube kümmerte er sich recht wenig. Die Leute wunderten sich, woher der neue Wirt wohl das viele Geld herhaben mochte, das er in Hardegg doch keinesfalls verdienen konnte. Die meiste Zeit trieb er sich in der Umgebung herum, kundschaftete alle Wege und Stege aus und fertigte davon Skizzen an. Kurz vor Ausbruch des Krieges verkaufte er plötzlich seine ganze Habe und war für immer aus der Gegend verschwunden. Das Haus, in dem er gewohnt und wo er die Ausschank gehabt, wurde hernach von der Sparkasse Retz erworben, weswegen es heute noch unter dem Namen Sparkassenhaus bekannt ist.

Während des Krieges kamen die Preußen auch nach Hardegg. Auf allen erdenklichen Wegen sind sie dahergekommen, die sie sämtlich gut zu kennen schienen. Spaßhalber fragte ein Trupp Dragoner einen Knaben, auf den sie unterwegs gestoßen waren, nach dem rechten Weg nach Hardegg. Als sie der aber in eine falsche Richtung weisen wollte, lachten sie nur und sagten, sie wollten ihm schon den rechten Weg nach Hardegg zeigen und nahmen den verängstigten Knaben mit bis nach Hardegg. Über Fürbitte des Pfarrers ließen sie ihn dort wieder laufen. Die Hardegger aber wußten jetzt, daß Haslinger ein preußischer Spion gewesen war.

Nur zum Edenkeller kamen die Preußen nicht, den hatte Haslinger nicht ausfindig gemacht. Der öde Keller, im Volksmund Edenkeller genannt, befindet sich flußabwärts von Hardegg in einer aus der Thaya aufragenden Felswand, knapp vor dem Einsiedler. Die Höhle ist ziemlich geräumig und steigt gegen das Berginnere steil an. Hierin hatten die Hardegger aus Angst vor möglichen Kriegsbeschlagnahmungen ihr ganzes Vermögen versteckt gehabt, das ihnen auch samt und sonders erhalten geblieben ist.


Quelle: Franz Bischof, Raimund Jordan, Sigrid Enzenhofer, Sagen und Legenden aus Hardegg, Hardegg 1978, Seite 30