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Die drei Kreuze bei Groß-Schönau

In Walterschlag lebte einst eine, ob ihrer Schönheit weit bekannte und vielbegehrte Bauerstochter, die aber sehr stolz und wählerisch war. Drei junge Fleischergesellen hätten ihr gefallen und da sie sich für keinen endgültig entscheiden konnte, versprach sie sich allen dreien. Mit List wußte sie es so einzurichten, daß keiner der drei Verlobten von seinen Rivalen wußte. Eines Tages aber fügte es der Zufall, daß doch alle drei in ihrem Hause zusammentrafen. Da jeder auf dem gegebenen Heiratsversprechen bestand und keiner zurücktreten wollte, kam es zu einem heftigen Streit, der auf dem Heimweg blutig ausartete. Mit ihren Stichmessern gingen sie aufeinander los. Der Kampf zog sich in den Bannwald bei Oberwindhag, wo der erste, tödlich verwundet, niedersank. Der zweite starb auf den Feldern von Groß Schönau. Der letzte schleppte sich, schwer verletzt bis Groß Wolfgers, wo er verblutete. Sein blutgetränktes Hemd soll lange in der Kapelle von Groß Wolfgers zu sehen gewesen sein. Zur Erinnerung an die drei Todesstellen sollen diese erwähnten Male errichtet worden sein.

Die drei Kreuze von Groß-Schönau © Harald Hartmann

Die Kreuze von Groß-Schönau (1), Oberwindhag (2) und Großwolfgers (3) - heutiger Standort.
© Harald Hartmann, April 2009

Trotz dieser Bluttat lebte die Bauerstochter lustig und fidel weiter und fand sich bald einen neuen Liebhaber, einen reichen Bauerssohn aus Groß Schönau. Kurz darauf wurde Hochzeit gefeiert. Es war ein lärmender, von Musikanten begleiteter Hochzeitszug, der sich von Waltersschlag durch den Bannwald gegen Groß Schönau, der Pfarrkirche des Bräutigams, bewegte. Als sie zu der Stelle kamen, an der der erste Fleischerbursche sein Leben ausgehaucht hatte (Kreuzstein Großschönau, Anm.), sonderte sich die Braut etwas vom Zuge ab. Plötzlich stieß sie einen furchtbaren Schrei aus und die vor Schreck erstarrten Hochzeitsgäste sahen nur, wie eine unsichtbare Gewalt die Braut durch die Lüfte entführte. Alles Rufen war vergebens. Still und bedrückt begab sich die Gesellschaft nach Groß Schönau und erzählte dem Pfarrer den Vorfall. Dieser gab den Rat, nochmals in den Bannwald zu ziehen, zu singen und zu spielen, wie wenn nichts geschehen wäre. Wenn aber die Braut wieder zum Vorschein käme, solle sie der Brautführer bei der Hand nehmen und nicht mehr loslassen, sonst wäre es um sie geschehen.

Die Leute folgten dem Rat des Priesters. Tatsächlich fanden sie die Braut an der gleichen Stelle. Aber ihre Schönheit war geschwunden, ja ihr Anblick so erschreckend, daß der Brautführer nicht wagte, die Hand nach ihr auszustrecken. Einen Augenblick wartete die Braut. Dann stieß sie neuerlich einen Schrei aus und verschwand wieder. Doch dieses Mal für immer.

Später hat sich die Braut noch manchem einsamen Wanderer gezeigt. Als nach vielen Jahren eine arme Dienstmagd durch den Bannwald gegen Windhag ging, sah sie bei dem Steinkreuz eine alte Frau stehen, angetan mit einem altmodischen Hochzeitskleid und einem Brautkranz im schneeweißen Haar. Traurig und doch erwartungsvoll sah diese das Mädchen an und wartete auf die Anrede. Die Magd aber lief vor Entsetzen davon.

Ein andermal soll ein Bauer bei Waldarbeiten nahe dem Kreuz ein uraltes Mutterl im Brautkleid und Schleier gesehen haben. Sie sah ihn starr und flehentlich an, sprach aber kein Wort. Da faßte ein Schauer den Mann und auch er lief davon.

So wartet die hochmütige Braut wohl noch beim Kreuz im Bannwald, daß ein Mensch komme und sie anspreche; denn nur dann könne sie endlich Ruhe finden für immer.

Quelle: A. Paul, Steinkreuzsagen aus dem Waldviertel in Das Waldviertel, Heft 7/9, 1973


Anm. 1.: Das Kreuz von Oberwindhag wird in der Gegend Brautkreuz genannt. Es wurde in den 1990er Jahren im Zuge eines Forststraßen-Baues um etwa 50 Meter versetzt.

Anm. 2.: Das Steinkreuz von Groß Wolfgers war lange verschollen. Es wurdin einem Ackerrain verschüttet, zerbrochen wieder aufgefunden. Nach der Renovierung wurde es vor der Kapelle von Wörnharts wirder aufgestellt.