SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Österreich >> Niederösterreich >> Wachau Nibelungengau >>  Hans Plöckinger, Sagen der Wachau, 1926

   
 

Schreckenwald Rosengärtlein

Die Burg Aggstein bekam im 15. Jahrhundert Ritter Georg Scheck vom Walde durch den Herzog von Oesterreich verliehen. Er baute das Felsenschloß ganz neu auf, wobei die Untertanen harte Frondienste leisten mußten. Dann begann Georg Scheck ein wildes Raubritterleben, plündert vor allem die auf der Donau vorbeifahrenden Handelsschiffe und quälte seine Gefangenen aufs schrecklichste. Auf Knebeln ließ sie der Grausame über die schroffen Felsen der Burg hängen oder stieß die Armen in das Rosengärtlein hinaus. Das war eine schmale, turmtief abfallende Felsplate, zu der man durch ein kleines Schlupfloch von der Hochburg aus gelangte. Die Gefangenen mußten hier entweder verhungern oder ihrem Leiden durch einen schnellen Sprung in die Tiefe ein rasches Ende bereiten. Ob seiner Untaten bekam der Aggsteiner Burgherr überall den Namen Schreckeenwald.

Einmal machte ein Gesungener wieder den schauerlichen Sprung, siel aber glücklicherweise in eine dichte Baumkrone und rettete so sein Leben. Er erzählte überall von den erduldeten Grausamkeiten und es gelang ihm, alle benachbarten Ritter zu einem Rachezug zu entflammen. Das Raubnest wurde erstürmt, Schreckenwald gefangen genommen und enthauptet. In der Burgkapelle wurde zum Andenken an die Befreiung von diesem furchtbaren Räuber bis um das Jahr 1700 alljährlich am 24. April ein Dankgottesdienst gehalten.

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Nach einer anderen Ueberlieferung nahm der Schreckenwalder einst einen Grafen gefangen. Junker Fridolin, der Sohn der Herrin von Schwallenbach. welcher auf Aggstein als Edelknappe diente, erbarmte sich seiner und verhalf ihm zur Flucht. Der Gerettete eilte nach Wien, um dem Herzog von dem schändlichen Treiben des Aggsteiner Burgherrn zu berichten. Indes war es ausgekommen, daß Junker Fridolin dem Grafen zur Flucht verholfen. Darum wurde er ins Verlies geworfen. Als der Schreckenwalder überdies erfuhr, daß der Herzog mit starker Macht in Anmarsch sei, ließ er Fridolin aufs Rosengärtlein schleppen, von wo dieser in die Tiefe geschleudert werden sollte. Der Schreckenwalder erlaubte ihm noch eine letzte Bitte. Eben begann von Schwallenbach herüber das Abendglöcklein zu erklingen, da flehte der Todgeweihte, ihm noch so lange Frist zu gewähren, um seine Seele Gottes Gnade zu empfehlen, bis das Läuten aufgehört habe. Nun tat Gott ein großes Wunder. Das Glöcklein klang ohne Ende fort, erweichte aber keineswegs des verstockten Ritters Sinn. Er fluchte nur über die Verzögerung.

Unbemerkt war aber schon der Herzog mit seinen Scharen vor die Burg gekommen und hatte sie in der Nacht ganz umzingelt. Durch Verrat und Zusicherung völliger Straflosigkeit wurde ihm das Tor gerade während des Läutens geöffnet und Fridolin noch im letzten Augenblicke gerettet. Georg Scheck nahm man gefangen und erklärte ihn all seiner Güter verlustig. Als armer Landstreicher soll er sein Leben beendigt haben.

Quelle: Sagen der Wachau, Hans Plöckinger, Krems a. D. 1926, Nr. 33, S. 41f