SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Österreich >> Niederösterreich >> Wachau Nibelungengau >>  Hans Plöckinger, Sagen der Wachau, 1926

   
 

Richard Löwenherz

Der englische König Richard Löwenherz, welcher den Herzog Leopold den Tugendhaften von Österreich im heiligen Lande schwer beleidigt hatte, wurde auf der Heimreise in Erdberg bei Wien erkannt und gefangen genommen. Der Landesfürst übergab ihn seinem getreuen Ritter Hadmar II. von Kuenring, der den hohen Gefangenen auf die Burg Dürnstein brachte. Da die englischen Hofleute nicht mußten, wo ihr Gebieter in Fesseln schmachte, machte sich der treue Sänger Blondel auf den Weg, ihn zu suchen. Er zog von Burg zu Burg und stimmte vor jeder seines Herrn Lieblingslied an. so kam Blondel auch nach Dürnstein, stieg den Schloßberg hinan und ließ vor einem Fensterlein seine Weise ertönen. Siehe, da klang aus düsterem Kellergewölbe, welches noch heute als des Englandkönigs Kerker gilt, des Liedes zweiter Teil heraus. Nun wußte Blondel, wo sein Herr gefangen gehalten werde, eilte rasch heimwärts und erwirkte seine Freilassung gegen hohes Lösegeld.

Kerker auf der Ruine Dürnstein © Berit Mrugalska
Kerker auf der Ruine Dürnstein, Wachau
und damit das mutmaßliche Gefängnis von Richard Löwenherz
© Berit Mrugalska, 1. August 2005

Das Volk erzählt auch, König Richard habe sich seinem Sänger am Fenster gezeigt und der verhieß ihm Rettung. Diese habe Blondel in der Weise versucht, daß er sich in ein leeres Faß versteckte, das für die Burg bestimmt war. Es wurde tatsächlich hinaufgerollt. Dabei wurden aber blonde Haare sichtbar, die aus der Faßöffnung herauslugten. Dadurch wurde der Sänger entdeckt und sein Rettungsversuch mißlang.

Quelle: Sagen der Wachau, Hans Plöckinger, Krems a. D. 1926, Nr. 66, S. 74ff