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'sWICHTL

In schwülen Sommernächten hört man ab und zu vom Dachfirste den beängstigenden Ruf hohu-hu, der melancholische Gemüter zu dem Glauben verleitet, es verkünde der Totenbote einen schmerzlichen Verlust. Darum geht auch der Bauer und die Bäuerin, auf deren Haus s'Wichtl gerufen hat, wochenlang kleinlaut und kopfhängerisch herum; sie wissen es, daß eins aus ihrem Gesinde sterben muß. Und trifft's dann nicht ein - was meistens der Fall ist so heißt es halt: s' Wichtl hat sich verflogen! Man meint damit, es hat das Haus verfehlt, weil just aus einem anderen heraus eins gestorben ist. s' Wichtl gilt wie die Schwalbe - letztere auch Marienvogel genannt - als geweihtes Tier, und ein Vergreifen an demselben fordert den Himmel um Rache auf. So erblindete tatsächlich ein glaubensloser Fleischhauer, weil er ein Wichtl vom Dache geschossen hatte. Schreit s' Wichtl vom Kirchendach - sagt man weiters -, so hat die Gemeinde einen bösen Pfarrer (Marchegg); setzt es sich auf das Feuerwehrdepot, so droht dem Orte Krieg oder Brand; ruft es im Fluge, so soll man zu ihm nicht emporschauen. Unter den Slowaken jenseits der March besteht der Brauch, s' Wichtl mit Umgangzweigen zu verscheuchen, damit seine Weissagung die Kraft verliert.

In manchen Karpathen-Dörfern aber, wie Apfelsbach, Pernek, Kuchel, verfolgen die Leute die Schleiereule geradeso wie die Fledermaus und nageln das arme Tier bei lebendigem Leibe an die Scheunentore, damit es die Gespenster (die „Garbenhexe" und den „Schüttochs") abhalte. Daß auch bisweilen mutwillige Knaben mit Steinen auf die zappelnden Wesen zielen, ist ebenso bekannt. In Jakobsdorf, einem kleinen slowakischen Dörfchen am Malinabache, sagt man vom Wichtl, es rufe mit den Lauten: Poid' sein! die Seele des Kranken zum Fenster hinaus. - s' Wichtl kann endlich auch Menschengestalt annehmen, und dann erscheint es als steinaltes Weib mit dem Rechen und dem Kehrbesen und erinnert als solches an das berüchtigte Pestweibl, jenen Würgeengel, der vor vielen Jahren im Marchfelde gehaust hat.


Quelle: Schukowitz, Mythen und Sagen des Marchfeldes: Zeitschrift für österreichische Volkskunde 2, 1896, 270f.
Aus Will-Erich Peuckert, Ostalpensagen, Berlin 1963, Nr. 14, Seite 16f.