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DAS FEST AUF DEM HEXENBERG BEI PETRONELL

In einem Bauernhaus bei Petronell war der Jungknecht dahintergekommen, daß die Bäuerin oft des Nachts das Haus verließ. Da er ein neugieriger Bursche war, beschloß er zu erforschen, was sie denn eigentlich treibe. In der Johannisnacht legte er sich in den großen Backtrog auf die Lauer.

Und richtig, gegen Mitternacht kam die Bäuerin dahergeschlichen, nahm einen Besenstiel zwischen die Beine und sprach die Worte: "Oben aus und nirgends an!" Dann war sie weg.

Der vorwitzige Jungknecht wunderte sich zuerst über ihr Verschwinden, später dachte er, das könne er auch probieren. Er setzte sich ebenfalls auf einen Besenstiel, sprach aber, da er die Worte nicht recht verstanden hatte: "Oben aus und überall an!" Nun fuhr er freilich vom Boden in die Höhe und in der offenen Küche umher, aber ins Freie hinaus kam er nicht. Er stieß sich den Kopf, die Ellbogen und die Knie an allen Wänden, Decke und Rauchfang an und war froh, als er endlich vom Besen herab zu Boden fiel.

Über den Lärm, der dadurch entstand, war der Großknecht in die Küche gekommen, und dem jungen Burschen glückte es gerade noch vorher, durch das enge Küchenfenster hinauszuschlüpfen. Gleich darauf lag er mäuschenstill im Roßstall unter seiner Decke.

Hexenberg bei Petronell © Harald Hartmann

Der Hexenberg bei Petronell
Luftaufnahme beim Segelflug
©Harald Hartmann

Am nächsten Abend versteckte er sich wieder in der Küche, um die Bäuerin zu beobachten. Wieder sah er das gleiche Geschehen und hörte deutlich den Spruch. Nun versuchte er neuerlich sein Glück mit dem Besen und hatte diesmal Erfolg. Geräuschlos flog er beim Rauchfang hinaus; durch die laue Sommernacht ging die Fahrt auf den Hexenberg. Verwundert sah er hier eine lange Tafel aufgerichtet, an der viele Männer und Weiber, darunter auch seine Bäuerin, in fröhlicher Laune beim Schmaus saßen. Auf dem Ehrensitz thronte ein hagerer Mann mit verkniffenem Gesicht, der vom Kopf bis zum Fuß rot gekleidet war und eine lange Hahnenfeder auf dem Hut trug.

Der Bursche, dem das Essen über alles ging, setzte sich unten an die Tafel und langte wacker zu. Es gab feine Leckerbissen, und alle mundeten ihm herrlich. Als er nach dem Mal zum Tanz ging, füllte er rasch seine Taschen mit den köstlichen Speisen und schlich dann in die Büsche, von wo er dem nächtlichen Treiben im Licht des Vollmondes neugierig zusah.

Als das Fest beendet war und sich alle Teilnehmer ehrerbietig von dem Mann in roter Gewandung verabschiedet hatten, setzte sich jeder auf seinen Besen, murmelte einen Spruch und fuhr durch die Lüfte davon. Als endlich alle fort waren und die Kuppe des Berges still und verlassen dalag, kroch auch der Bursche aus dem Gebüsch, nahm seinen Besenstiel und wollte wie die andern davonfliegen. Aber der Besen rührte sich nicht vom Fleck. Der Bursche hatte den zweiten Spruch nicht gehört, und alle seine Mühe war vergebens.

Er mußte beim trügerischen Mondenschein den weiten Weg nach Hause zu Fuß zurücklegen und kam erst frühmorgens mit zerschundenen Knien und blutiger Nase erschöpft und hungrig daheim an. Doch tröstete ihn der Gedanke, daß er sich nun die mitgebrachten Leckerbissen wohlschmecken lassen wolle. Als er sie aber aus der Tasche zog, sah er mit Ekel, daß es nur Kuhfladen waren. Das benahm ihm gründlichst alle Lust, je wieder einen Ausritt auf den Hexenberg zu machen.

Quelle: Die schönsten Sagen aus Österreich, o. A., o. J., Seite 219