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DER TOD IM MATZENER WEINFASS

Rund um Matzen liegt ein sanftes, rebenbestandenes Hügelgelände. Gar mancher Eimer süffigen Weins wird dort geerntet, und der "Matzener" hat keinen schlechten Ruf. Es gibt wenig Bauern, in deren Kellern nicht mehr oder weniger Fässer voll des edlen Rebensaftes liegen. Einer der reichsten war vor vielen Jahren der Höllen-Hoisl. Schier siebenhundert Fässer Wein lagerten in seinem Keller, und seine Kornkammer war gesteckt voll mit der besten Körnerfrucht. Ja, der Hoisl konnte sich nicht beklagen, er führte das schönste Leben. Und weil es ihm so gutging, wollte er auch nicht sterben. Aber gegen den Tod, sagt man, ist kein Kraut gewachsen. Das wußte auch der Hoisl, und das verschaffte ihm manche bekümmerte Stunde.

So saß er eines Tages in seinem Keller und dachte über verschiedene Dinge nach und kam doch nicht darüber hinweg, daß das Leben jedes Menschen mit dem Tod endet. Da stolperte ein hagerer fremder Mann die Kellerstiege herunter, trat auf den Bauern zu und klopfte ihm wie einem guten Bekannten auf die Schulter.

"Ich weiß schon, was du sinnst", meinte er grinstend, "doch wenn du willst, kann ich dir helfen."

Anfangs konnte der Bauer vor Schreck kein Wort hervorbringen, aber bald hatte er sich gefaßt und war in kurzer Zeit in vertraulichem Gespräch mit dem andern. Was sie miteinander beredeten, entschied über Leben und Tod, und schließlich bekräftigten sie durch Handschlag ihre Vereinbarung, bei der jeder von beiden gut zu fahren hoffte. Der Bauer sollte dem Fremden von jedem Faß Wein kosten lassen, dafür wollte ihm dieser das ewige Leben verschaffen.

Sie begannen gleich mit dem größten Faß. Der Gast legte sich mit seinem breiten Mund über das Spundloch und sog in vollen Zügen das köstliche Naß in sich hinein, als hätte er eine Pumpe im Leib, bis der letzte Tropfen aus dem Faß war. Dann ging er zum nächsten. Hier war es nicht anders, und als der Bauer ans Faß klopfte, klang es hohl. Wo der Karl das hinsäuft, dachte der Bauer entsetzt, und daß man ihm gar nichts anmerkt! Ha, wenn er soviel verträgt, will ich ihm meinen Süffigsten zum Kosten geben. Und er führte ihn zu einem kleinen Fäßchen, das den edelsten Wein barg, den "Ehrentagtrunk", wie ihn der Bauer nannte, von dem ein paar Gläschen genügten, den Trinker um seine Standfestigkeit zu bringen. Daraus schlürfte nun der unheimliche Geselle einen Schluck, schmatzte vergnügt mit den Lippen und legte sich dann besser ins Zeug. Aber schon schwankte er, suchte sich vergeblich aufrecht zu halten und fiel rücklings zu Boden.

"Haha", lachte der Bauer, "hat's dich erwischt? Ich dachte mir's wohl, daß er dich bändigen wird."

Er beugte sich zu dem Fremden hinab und leuchtete ihm ins Gesicht. Schaudernd fuhr er zurück, eiskalt rieselte es ihm über den Rücken - ein leibhaftiger Totenkopf grinste ihm unheimlich entgegen. Aber das Grauen verwindend, faßte er den seltsamen Trunkenbold, der sich federleicht angriff, und stieß ihn flugs beim Spund des größten Fasses hinein. Nun den Zapfen darauf und fest angetrieben, und wohlverwahrt lag der unwillkommene Zecher in seinem engen Gehäuse. Zufrieden tappte der Hoisl die Kellerstiege empor, versperrte gewissenhaft die Tür und trat, vergnügt vor sich hin pfeifend, den Heimweg an. Es war ihm ganz klar, er hatte den Tod ins Weinfaß gesperrt und war darüber glücklich wie kein zweiter auf Erden.

Und wirklich verging Jahr auf Jahr, und der Tod ließ sich nicht mehr blicken. Der Hoisl war steinalt geworden, hatte einen schneeweißen Kopf bekommen und ging gebeugt, aber frisch und lebensfroh durch seine Felder und Weingärten, vom Sterben war keine Rede. Aber auch die andern Leute starben nicht. Es wimmelte überall von Menschen. Korn und Wein wurden zu wenig, sogar das Wasser reichte nicht mehr; es war wirklich, als ob das ewige Leben auf Erden eingekehrt wäre.

Endlich aber drang die Kunde von der schlauen Tat des Hoisl und den unabsehbaren Folgen, die daraus den Erdenkindern erwuchsen, bis in den Himmel hinauf. Eilig sandte der liebe Gott seinen Engel in den Keller des Bauern, damit er den Tod aus seinem Gefängnis befreie. Aufatmend kroch der aus dem finsteren Loch, wo er so lange eingesperrt war. Nun aber gab es Arbeit über Arbeit für den Sensenmann, der eifrig trachtete, das Versäumte nachzuholen. Seuchen brachen aus, und die Leute starben dahin wie die Fliegen; nur der alte Hoisl blieb verschont. Aber die Beschwerden des Alters machten sich geltend, er fiel anderen und sich selbst zur Last und konnte den Tod nicht finden, sosehr ihn auch danach verlangte. Rastlos wandert er auch heutigentags noch auf der Welt umher und wartet mit heißer Sehnsucht auf die Stunde, in der der Tod alles heimholen wird, was da lebt auf Erden.


Quelle: Die schönsten Sagen aus Österreich, o. A., o. J., Seite 216