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DAS LEHRENDE ROß

In den meisten Orten des Marchfeldes hält man an dem uralten Glauben fest, daß die Haustiere in der Christnadir reden können. Sie stecken die Köpfe zusammen und teilen einander mit, was sie während des ganzen Jahres erduldet haben und was sie im künftigen Jahre erwarten. Viele Bauern wagen es nicht, in dieser Nacht die Tiere zu verwenden. Das Reden in der Christnadir, meinen sie, sei die einzige gottgeschenkte Freude, die sie für die Last des ganzen Jahres entschädigt. Und besonders das Pferd, das der Marchfelder seine linke Hand nennt, pflegt in dieser Nacht mit Vorliebe belauscht zu werden. Es weiß mehr als alle andern Tiere und erfährt von einer höheren Macht die Geschicke der Familie, darum wird es auch an diesem Abend besonders sorgfältig gefüttert und, wenn es draußen mäuschenstille ist und das Mondlicht auf der Schneefläche glitzert, dann schleicht der Bauer zur Stalltüre und legt sein Ohr an die Ritze. Es soll schon vorgekommen sein, daß so dem Horcher das Datum und die Stunde seines Lebensendes vorhergesagt worden ist, was auch wirklich eintraf. Einem armen Häusler hat es einmal eine reiche Fruchternte geweissagt. Kinder sollen aber nie ein Roß belauschen, sagt man, sie müssen sonst auf dem "eisernen Tische" speisen.


Anmerkung: Eiserner Tisch: der Pflug
Auf eisernem Tisch essen: als Bauer, Knecht essen.

Quelle: Hans Schukowitz, Zeitschrift für österreichische Volkskunde 3, 1897, 166
Aus Will-Erich Peuckert, Ostalpensagen, Berlin 1963, Nr. 8, Seite 14