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WIE LEOPOLD VON BABENBERG MARKGRAF VON DER OSTMARK WURDE

Kaiser Otto I. war ein großer Liebhaber der Jagd, scheute keinerlei Gefahren und eilte oft im Eifer der Verfolgung des Wildes seinen Jagdgesellen voraus. Einst hatten seine Hunde eine kräftige Bärin aufgespürt, die sich erschrocken in den Wald flüchtete. Kaiser Otto stürmte ihr so rasch nach, daß ihm nur Leopold von Babenberg zu folgen vermochte. Als die Bärin keinen Ausweg fand, wendete sie sich plötzlich gegen den Kaiser, der ihr schon nahe gekommen war und drohte ihn anzugreifen. Otto griff nach seiner Armbrust, spannte jedoch in der Eile den Bogen so straff, daß er zerbrach. In dieser höchsten Gefahr eilte Leopold herbei und reichte dem Kaiser seinen Bogen, womit er das wütende Tier durch einen wohlgezielten Schuß erlegte. Hierauf sprach der Kaiser zu Leopold, indem er ihm den zerbrochenen Bogen übergab: "Wenn du einst von mir eine Gnade erbitten willst, so bringe mir diesen Bogen; er soll dein Fürsprecher sein!" Wenige Jahre nach diesem Ereignis besiegte Kaiser Otto in einem schweren Kampfe das wilde Reitervolk der Magyaren und errichtete an der Ostgrenze seines Landes zum Schütze gegen die Hinfalle derselben eine Markgrafschaft, die von ihrer Lage Ostmark genannt wurde. Ottos Nachfolger war dessen Sohn Otto II. Als bald nach seinem Regierungsantritte der Markgraf in der Ostmark starb, eilte Leopold von Babenberg an das Hoflager des Kaisers und bat ihn um das herrenlose Land, indem er den zerbrochenen Bogen an den Stufen des Thrones niederlegte. Otto II. gedachte des Versprechens seines Vaters und erhob Leopold zum Markgrafen der Ostmark. Er ist der Stammvater vieler ausgezeichneter Fürsten.


Kommentar: (D. Peter Mitteregger, Sagen und Erzählungen.)
Quelle: Carl Calliano, Niederösterreichischer Sagenschatz, Wien 1924, Band II, S. 18