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VON DER HEILIGEN HEMMA

Zu den schönsten Sagen des Kärntner Landes gehören jene, die uns von der heiligen Hemma, der Stifterin von Gurk, überliefert sind. Als ihre Eltern gibt die Legende den Grafen Engelbert von Friesach, als ihre Großmutter Frau Imma auf Gurkhofen an. Selbst eine reiche Erbin, vermählte sie sich mit dem Grafen Wilhelm, einem treuen Vasallen des Kaisers, der in Krain reiche Güter besaß.


Die Wallfahrt nach Maria Elend

Als Hemma, die Herrin von Friesach und Zeltschach, nach mehreren Jahren kinderloser Ehe sich endlich Mutter fühlte, unternahm sie dankerfüllten Herzens eine Pilgerfahrt nach Maria Elend. Dort, auf einem hohen Berge im Rosental, hatten die Christen in der Zeit ihrer Verfolgung der Gottesmutter eine Kapelle erbaut, dessen Gnadenbild andächtige Verehrung genoß. In Pilgerkleider gehüllt, allein und zu Fuß, trat die Gräfin die beschwerliche Wallfahrt an.

Doch die ungewohnte Anstrengung erschöpfte die Kräfte der vornehmen Frau; schon sah sie das Kirchlein auf der Bergeshöhe vor sich, als es ihr unmöglich wurde, es zu erreichen. Heiße Sehnsucht nach dem so nahen und doch unerreichbaren Ziele im Herzen, lagerte sich Hemma am Fuße des Berges und verfiel dort in kurzen Schlummer. Als sie erwachte, sah sie sich an den Stufen des Altars der Kirche, die zu erreichen sie sich so gesehnt hatte. Während ihres Schlummers hatten Englein das Kirchlein erfaßt und von der Bergeshöhe herab in die Ebene getragen, dorthin, wo sie heute noch steht.

Während Hemma ihr Dankgebet verrichtete, entbrannten draußen die bösen Geister in wildem Zorn. Schon von jeher war ihnen das Kirchlein ein Dorn im Auge gewesen und nun war es gar im Tale und für fromme Pilger noch zugänglicher als auf der steilen Höhe. Wütend rissen sie ungeheure Blöcke von den Felsen los und schleuderten sie auf das Kirchlein. Sie erreichten aber ihr Ziel nicht, denn Engel beschützten die Kirche und die fromme Beterin darin. Die Steine aber, mit welchen die Teufel in ohnmächtigem Grimme geworfen hatten, liegen heute noch in Maria Elend umher.


Der Mord der Söhne

Mehr als sechzehn Jahre waren seit jener Wallfahrt der heiligen Hemma vergangen; sie lebte glücklich und hochgeachtet mit ihrem Gatten und zwei blühenden Söhnen, namens Wilhelm und Hartwig. Ihren vorzüglichsten Reichtum hoben sie aus ihren Bergwerken zu Zeltschach, in denen Hunderte von Knappen auf Silber bauten. Die gutgelohnten Knappen überließen sich jedoch einem zügellosen Leben; hatten sie ihre finsteren Schächte verlassen, so begaben sie sich zu schwelgerisehen Gelagen. Da hatten in einer Nacht die Geister des Weines die Leidenschaften entfesselt, und ein Verbrechen wurde begangen. Die beiden Söhne des Zeltschacher Grafen übten in Abwesenheit ihrer Eltern, die sich zu Wippach in Krain auf ihren Gütern befanden, die Gerichtsbarkeit und ließen die Hauptverbrecher hinrichten. Mit diesem Todesurteile hatte die beiden Jünglinge aber auch das ihre unterzeichnet. Gleich einem giftigen Gewürm verkroch sich die Rache in die Gruben der Berge. Von dort aus erreichte sie die Ahnungslosen. Nicht lange - und statt der blinkenden Erze rollten die blutigen Leichname der beiden Jünglinge die Heide herab; im finsteren Schacht hatten ruchlose Hände sie durch Keulenschlage getötet.

Graf Wilhelm, der Vater, zog eben nach Friesach, um seine geliebten Söhne nach Wippach zu holen, wo die Sporen ihrer warteten, als ihn die Kunde von der Untat erreichte. Er antwortete mit dem Schwerte der Vergeltung, alle seine Edlen und Lehenspflichtigen mit sich fortreißend. Es gab kein Urteil, weil man die Täter nicht kannte; nur eine Vertilgung der ganzen Rotte. Auf dem Platze von Friesach trank der Boden das Blut der Hingerichteten, bis zu den Bergeszinnen hinauf loderte die Brandfackel und man hörte nichts als Wehklagen und Jammergeschrei.

Ein Bote brachte der unglücklichen Mutter die Schreckenskunde und erstattete Bericht von der furchtbaren Rache, welche der Graf übte. Schmerz und Zorn stritten im Herzen der schwer getroffenen Frau; noch war sie keines klaren Empfindens mächtig; nur hin zum Gatten und zu den Leichen ihrer Söhne drängte es sie. In tiefes Sinnen versunken, ritt Hemma, von einem Häuflein ihrer Diener geleitet, des Weges dahin. Schon hatten die Reisenden den Loibl überschritten und alle waren zu Tode erschöpft, nur die beraubte Mutter fühlte nicht Ermüdung, nicht Hunger. Da näherte sich der Sinnenden ein alter Diener und bat sie, sich und den übrigen eine kurze Rast zu gönnen. Hemma willigte ein und wählte für sich einen einsamen Felsen an der Dräu zum Ruhesitz. Hier umfing sie der Schlummer, und sie sah die Schmerzensmutter erscheinen, die in sanften Worten Hemma an die Kürze des Lebens erinnerte und ihr riet, den Feinden zu vergeben; dann erschienen freundlich winkend in strahlender Schönheit die Söhne und entschwanden, als die Schläferin erwachte. Zorn und Rache waren aus ihrem Herzen entschwunden, nur der Schmerz um die Verlorenen war geblieben, doch auch dieser sanft und verklärt. Die edle Frau verließ die Stätte nicht, ohne dort ein Kreuz errichten zu lassen zum Gedenken an jene Stunde.

Bittend kam sie zu ihrem Gatten, mit tiefem Kummer sah sie die furchtbare Verwüstung, welche seine Rache bereits angerichtet hatte. Es gelang ihr, dem Rachwerk Einhalt zu tun. Graf Wilhelm aber, der von dem Anblick des gräßlichen Elends, das er verschuldet, von dem furchtbaren Weh um seine Söhne ganz zerrissen und tief gebeugt war, beschloß Buße zu tun.


Die Kirche zu Gräbern

Barfuß und in härenem Gewande pilgerte Graf Wilhelm von Friesach und Zeltschach nach Rom und erbat vom heiligen Vater Vergebung. Leichteren Herzens trat er die Pilgerfahrt in die Heimat an. Schon sah er die trauten kärntnerischen Berge, als ihn in der Scheune eines Bauers, eine und eine halbe Stunde von der jetzigen Kirche entfernt, infolge der Anstrengung von der langen Reise der Tod ereilte. Die Sage nennt auch das Bauernhaus, wo das geschah, es heißt beim Lenz in der Auen.

Schrecken und heilige Ehrfurcht ergriffen den Landmann, als er morgens an seine Arbeit ging und in der Scheune den Leichnam eines Pilgers fand. Da ihn niemand kannte, beschlossen die Leute, ihn auf einen strohbedeckten Wagen zu legen. Man spannte zwei ungelernte Stiere vor und überließ die Leitung des Gespanns dem Allmächtigen, in der Absicht, ihn dort zu begraben, wo die Ochsen mit dem Leichnam das drittemal stehenbleiben würden. Inmitten von Dornen und Disteln machte der Wagen zum drittenmal halt, und dieser Platz, der davon den Namen "Gräbern" erhielt, wurde zur Grabstätte Wilhelms bestimmt. So wie sich diese Geschichte weiter verbreitete, kamen immer mehr Wallfahrer zum Grabe Wilhelms, und bald knüpfte sich daran der Ruf der Wundertätigkeit. Durch fromme Spenden der Gläubigen soll schon im 12. Jahrhundert eine Kirche erbaut worden sein, von der aber nur noch wenige Spuren vorhanden sind, bis späterhin zur dankbaren Erinnerung die jetzt bestehende Kirche aus dem Schutte der alten hervorging. Selbst der Weg von der Todesstätte bis zu seinem Grabe ist durch zwei gemauerte Kreuze bezeichnet, und zwar an den Orten, wo die Stiere die beiden ersten Male ausruhten. Das eine Kreuz ist unfern der Scheune, das andere aber einige hundert Schritte von der Kirche entfernt.

In der Kirche befindet sich hinter dem Altar ein Loch, zu welchem die Bauern auf den Knien hinrutschen und Eisenstücke hineinlegen. Diese werden zu Hause den Rindern um den Hals gelegt, damit sie immer gesund bleiben. Die Leute stecken auch ihre Köpfe in dieses Loch zum Schütze gegen Kopfweh. In der Kirche werden noch die alten schmiedeeisernen Nachbildungen von Haustieren geopfert.


Der Hemma-Ofen

Als Graf Wilhelm nach Rom gezogen war, besuchte Hemma nochmals alle Stätten, welche die teuren Söhne vor ihrem Tode betreten hatten. So kam sie auch hoch oben im Glödnitztal auf einen Platz nahe der "Stiertratte", der späterhin der "Hemmaofen" genannt wurde. Es ist eine Felsenhöhlung, den die Sage als den einstigen Lieblings; sitz der Gräfin bezeichnet. In dieser Höhlung sei sie gesessen und habe ihren im gegenüberliegenden Küster arbeitenden Bergknappen sowie den bei der nahen Salzpfanne beschäftigten Leuten zugesehen. Als sie diesen Ort nun nach der Ermordung der Söhne betrat, soll sie ihren Vermählungsring in den unterhalb gelegenen kleinen Teich geworfen haben mit den Worten: "Bis dieser Ring wieder gefunden wird, sollen die Silberadern des Küsters unsichtbar werden und die Salzquelle versiegen." So seien die dortigen Silberbergwerke und die Salzquelle eingegangen. Die vielen Schächte im Küster sind heute noch zu sehen; den Ort der Salzquelle zeigt zwar der Sage nach noch das im "träufelnden Ofen" eingehauene Kreuz, die Quelle selbst aber hat noch keiner gefunden.


St. Hemma, die Stifterin von Gurk

Nach den vielen Schicksalsschlägen, die Hemma getroffen und sie des Gatten und der Kinder beraubt hatten, gedachte sie nicht mehr des Irdischen. Als fromme Witwe lebte sie einige Jahre zu Gurkhofen in stiller Einsamkeit und bezeichnete jeden Tag mit Wohltaten. Der fromme Geist der damaligen Zeit bestimmte Hemma, zwei Klöster und eine Kirche in Gurk zu bauen. Auf den Ruf der gottesfürchtigen Stifterin kam im Jahre 1043 der salzburgische Erzbischof Balduin nach Gurk und brachte einige Klosterfrauen und die Äbtissin Ita aus dem Stifte St. Ruprecht am Nonnberg zu Salzburg mit sich, um sie in ihre Wohnstätten einzuführen. Am Fest der Himmelfahrt Marias nahm er in Anwesenheit unzähliger Volksscharen die Weihe der Marienkirche vor. Die hochedle Hemma trat dann selbst, umgeben von 70 Jungfrauen des Landes, vor den Hochaltar und legte das feierliche Gelübde ab, das aus einer überreichen Erbin und gräflichen Herrin eine demütige Klosterfrau machte.

Im Frühling 1045 verfiel sie in eine schwere Krankheit, die ihr den ersehnten Tod brachte. Ihr steinerner Sarg ist in der Krypta des Domes zu Gurk beigesetzt. In der Gruft zeigt man den Hemmasitz, einen ausgehöhlten Serpentinstein, auf dem Hemma saß, wenn sie die Arbeitsleute beteilte. Der Sage nach hielt sie dabei jedem von ihnen die volle Börse vor; doch bekam jeder, wenn er auch noch so gierig Zugriff, nur das, was er verdiente. Noch heute pflegen Besucher der Gruft sich auf den Hemmastein zu setzen und dabei recht lebhaft um die Erfüllung eines Wunsches zu bitten.

Vom Nachlaß Hemmas sind nur noch ein Ring und ein Halsgeschmeide aus Rauchtopas, zum Zeichen ihrer Witwentrauer, erhalten. Ihr Andenken jedoch ist geblieben und alljährlich, besonders am vierten Sonntag nach Ostern und am 29. Juni, ihrem Sterbetage, kommen aus Krain und den übrigen Gegenden, wo sie einst als Herrin gebot, Hunderte nach Gurk, um das Fest der Verehrung und Dankbarkeit an ihrer Grabstätte zu feiern.

Franz Pehr, Kärntner Sagen. Klagenfurt 1913, 5. Auflage, Klagenfurt 1960, Nr. 23, S. 48